Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423569
Michelangelo Buonarroti. 
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Gesicht; in weltvergessenes Grübeln ist die persische versunken; die libysche 
Sibylle aber ist von einer Grösse und Reinheit der Form, von einer Frei- 
heit und Schönheit der Bewegung, die nur etwa die Eva auf dem Bilde 
der Schöpfung und Verführung oder die Aurora auf den Grabmälern der 
Medici wieder erreichen. 
Gleich leidenschaftliche, mächtige Charaktere in den verschiedensten 
Stimmungen zeigen die Propheten; so beseelt Daniel das Feuer jugend- 
licher Begeisterung, aber gepaart mit tiefem Ernste; Ezechiel scheint in 
düsteres Brüten verloren, Jeremias von tiefer Melancholie ergriffen. Die 
ganze Macht leidenschaftlicher, meist düsterer Stimmung, die schweren 
Kämpfe, die in seinem Innern tobten, hat Michelangelo in diesen Gestalten 
ausgesprochen, die völlig naturwahr, aber grösser und mächtiger als die 
Menschen dieser Erde sind. 
Das Aufgreifen des Höhepunktes der Situation, das Festhalten des 
erregtesten Momentes, das schon den David so eigenartig charakterisirt, 
das noch mächtiger in den Propheten und Sibyllen wirkt, bestimmt 
auch die Auffassung der historischen Bilder der Decke, vor Allem der 
Schöpfung. Michelangelo erscheint hier ganz ohne Vorgänger; mit elemen- 
tarer Gewalt gestaltet er diese Vorgänge zum ersten Male. Aeltere Bilder 
greifen zu einer symbolischen Darstellung der Schöpfung oder zeigen die 
Schöpfung vollendet und Gott Vater, wie er das wohlgelungene Werk 
betrachtet, Michelangelo aber stellt die That der Schöpfung selbst dar. 
Gott Vater, den er mächtig und gross, wie kein Anderer, erfasst, theilt 
mit wuchtigen Armen Licht und Dunkel, die That des ersten Tages, x65 
werde LiChtx, vermochte keines Künstlers Phantasie vor ihm zum Bilde 
zu gestalten; Sonne und Mond weist des Schöpfers Machtwort ihre 
Stellung im Weltall, und rasch über den Erdball Hiegend, gebietet er 
Wasser und Land, sich zu sondern, und über die Erde hinwegsausend, 
befiehlt er ihr, Gras und Kräuter hervorzubringen; als er gegen Adam 
heranschwebt, berührt er ihn nur mit dem Finger, da durchzuckt Leben 
den Körper des Menschen. 
Bis zur Erschaffung Adam's lässt sich wohl kein Werk namhaft 
machen, das Michelangelo zu seiner Auffassung irgend welche wesentliche 
Anregung bot; nur dass Gott Vater von Engeln umgeben über der Erde 
schwebt, deren Entstehen er gebietet, findet sich auch auf Ghibertis Ost- 
thüre des Baptisteriums in Florenz, die Michelangelo bekanntlich so hoch 
schätzte. Wie völlig original die geistreiche Schöpfung Adam's und auch 
die nachfolgende der Eva ist, wie vor Michelangelo Niemand etwas Aehn- 
liches schaffen konnte, darüber braucht man kein Wort zu verlieren; 
interessant aber ist, dass hier Michelangelo offenbar durch ein älteres 
Kunstwerk Anregung erhielt, die er aber natürlich ganz frei verwerthete, 
in seiner Weise weiterbildete und steigerte: ich meine die Reliefs der
        

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