Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423554
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Michelangelo Buonarroti. 
musste, um sie, wie er wohl ahnte, nie zu vollenden. Michelangelo malte 
an der Decke der sixtinischen Kapelle die Gestalten, die er an dem Grabmal 
nicht mehr meisseln durfte; an Stelle der Figuren, die er dort, wie im Moses, 
schaffen wollte, traten hier die Propheten und Sibyllen, an die der Gestalten, 
wie der Sklaven die Träger der Medaillons; ich glaube, der vorausgehende 
Entwurf zum Denkmal Julius II., das wir heute, wie Michelangelo es sich 
gedacht haben mag, nur mehr mit Hülfe der sixtinischen Decke ahnen 
können, war von grösstem Einfluss auf die Malereien der Decke. Michel- 
angelo war erfüllt von den Gedanken für dies grossartige Werk; er sprach 
sie jetzt nur in anderer Form aus. Michelangelo, der Bildhauer und der 
Maler zeigen sich so fast gleichwerthig an der Decke der sixtinischen 
Kapelle, nicht minder aber durch die herrliche, so ganz originale Raum- 
gliederung der Architekt. Es giebt kein zweites Werk, dass eine solch 
harmonische Vereinigung der drei Künste zeigte, schon weil es keinen 
zweiten Künstler giebt, der alle drei Künste so gleichmässig beherrschte. 
Obgleich Michelangelo die Malerei zuerst zurückwies, so war doch gerade 
sie es, die ihm die freieste Aussprache gestattete, die es am ehesten er- 
möglichte, das mächtige Empfindungsleben, die gewaltigen Stimmungen, 
die ihn beherrschten, künstlerisch zum Ausdruck zu bringen; aber nicht 
durch die Stimmungen in Tönen, nicht in rein malerischer Weise, sondern 
nur durch die menschliche Gestalt will er seiner Stimmung Ausdruck geben, 
und so griff er, nachdem er durch die Malerei an der sixtinischen Decke 
die volle Freiheit erlangt hatte, doch wieder zur Plastik. Die Beschäftigung 
mit den verschiedenen Künsten war eben bei Michelangelo nichts Will- 
kürliches oder gar Zufälliges, sondern durch sein ganzes Wesen bedingt; 
um seine Gedanken in der ganzen Grösse auszusprechen, in der sie in ihm 
wohnten, genügte ihm nicht eine, sondern bedurfte er aller drei Künste. 
Die souveräne Herrschaft Michelangelds in der Darstellung des mensch- 
lichen Körpers, damit zusammenhängend seine Freude an gewaltigen und 
gewaltsamen Motiven, an den kühnsten Stellungen und Verkürzungen 
zeigen an der Decke der sixtinischen Kapelle vor Allem die nackten 
Gestalten, welche die Medaillons halten. Von der mächtigen Steigerung 
seines ganzen Wesens aber, wie sie der David bereits ahnen liess, der aber 
ein Knabe gegen die hier auftretenden Männer, zeugen die Sibyllen und 
Propheten; welch grosse Welt mächtiger Charaktere schafft hier Michel- 
angelo. Die erythräische Sibylle mit klarem Blick ruhigen F orschens ist 
eine Gestalt von herrlicher plastischer Ausführung, besonders bewunderns- 
werth hierin ist der ruhig. herabhängende rechte Arm; grossartig ist 
der Wurf, der Fluss des Gewandes; wie mächtig ist die Drapirung über 
dem rechten Knie; Alles, was etwa bei der Pietä in den Falten noch 
kleinlich oder hart erscheinen könnte, ist vermieden. Tiefes Forschen 
zeigt die cumäische Sibylle mit dem ernsten, von Falten durchfurchten
        

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