Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423531
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Buonarroti. 
Michelangelo 
lichen Schwäche, der Leidenschaft unterworfen, sondern göttlich, erhaben 
auch im tiefsten Schmerze. Wie versöhnend trotz des tiefen Leides 
erscheint diese Auffassung gegenüber den beiden Behandlungen des Gegen- 
standes im palazzo Rondanini und im Dom zu Florenz, die der letzten 
Periode des Künstlers angehören; leider wurden sie beide nicht vollendet, 
aber doch sind sie weit genug gediehen, um zu zeigen, wie voll von 
schmerzlicher Leidenschaft und Gram der Künstler den Vorwurf später 
erfasste. Nicht von Anfang an tritt uns Michelangelo als der gramvolle 
und verbitterte Künstler entgegen, der sich nur wohl fühlt im titanischen 
Ringen nach dem Gewaltigen, sondern wir sehen diese Eigenschaften bei 
ihm wachsen, von dem tiefen Ernst der ersten Zeit bis zu seinem gigan- 
tischen Wesen in der letzten Periode, wie wir das Wachsen der Leiden- 
schaft kennen in der eigenen Brust von dem kleinen Funken, mit dem sie 
beginnt, bis zur lodernden Flamme. 
Als Michelangelo 150i aus Rom nach Florenz zurückkehrte, schuf er 
bis 1503 den David; durch seine Meisterschaft in der Form, die ja 
bekanntlich noch erhöhtes Interesse dadurch gewinnt, dass der Künstler 
durch die Form des verhauenen Blockes in der Komposition gebunden 
war, erscheint er als ein Abschluss dieser Periode; das Kolossale der 
Gestalt, vor Allem aber der mächtige, zwingende Charakter und auch der 
Moment, den Michelangelo aufgreift, weisen auf das Wachsen seiner Eigen- 
art in der nächsten. Der Moment, in dem wir David sehen, dessen Kopf 
einen Trotz und eine Energie zeigt, die vorher kein Meister auch nur 
annähernd darzustellen vermochte, ist der des Kampfes selbst. Der Stein 
hat soeben die Schleuder verlassen; in höchster Erregung die Augen 
scharf zusammenziehend, folgt David mit seinem Blick dem Geschosse; 
der Körper legt sich etwas vor, die Linke, in der David die Schleuder 
hält, hat er, da der Stein soeben aus der Schleuder geflogen, zum Körper 
zurückgezogen; der Riemen der Schleuder läuft über den Rücken in die 
rechte Hand, wo sein Ende an einem Griff befestigt ist. 1) 
Mit Michelangelds David lockt es, zunächst den des Verrochio und 
Donatello in Parallele zu setzen, der Unterschied der drei ist in hohem 
Grade charakteristisch. Verrochio giebt den schönen, königlichen Jüngling, 
neben dem das abgeschlagene Haupt des Riesen liegt, um von seiner 
Ruhmesthat zu erzählen. Donatello's Broncestatue erfasst den Moment 
gerade nach dem Kampfe; sein David, derber und kräftiger als der 
Verrochios, hat die Linke, in der er noch einen Stein hält, in die Seite 
gestemmt, die Rechte hältdas Schwert, mit dem er soeben dem Riesen 
1) Dass David einen Stein in der Rechten halte, ist ein Irrthum, es ist dies der stab- 
artige Griff der Schleuder, wie man deutlich neben dem kleinen Finger sieht; im Innern der 
Hand aber ist derselbe nicht ganz ausgearbeitet.
        

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