Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423499
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Buonarroti. 
Michelangelo 
der Sakristei von S. Lorenzo in Florenz meist einen düstern, schwer- 
müthigen Ausdruck gewinnen. Als das Werk eines so jugendlichen 
Künstlers ist die Madonna auf der Treppe natürlich noch etwas befangen, 
aber doch lässt sie schon deutlich die Grundzüge seines eigenartigen, weib- 
lichen Ideals erkennen. Wenn bei den Florentinern der Frührenaissance 
und bis zu den früheren Werken Raphaells der hohe Liebreiz, das An- 
muthige vor Allem, die Madonna beseelen und die Porträtzüge, die ihr 
häufig eigen, erzählen, wie den Künstler das, was ihm im Leben Glück 
und Friede brachte, oder wovon er dies wenigstens hoffte, zu seinen 
Madonnen anregte, so steht Michelangelo dem Allen fremd gegenüber; 
jene suchen eben die Natur zu idealisiren, Michelangelo dagegen will aus 
seinen Gedanken und Empfindungen eine neue, grössere und bedeutendere 
Natur schaffen. Das Fehlen individueller Züge bei Michelangelo erinnert viel- 
leicht Manchen an die Werke mittelalterlicher Kunst, aber der Grund ist hier 
ein völlig anderer; während nämlich die mittelalterlichen Künstler die indi- 
viduellen Züge nicht wiedergeben, weil sie dieselben noch nicht sehen, weil 
sie noch nicht ganz aus der Natur heraus, noch nicht völlig naturwahr 
schaffen können, so verschmäht Michelangelo hier das Individuelle, weil es 
ihm zu alltäglich, zu klein für seine Welt ist; erreichen daher jene unbewusst 
einen gewissen Schein des Idealen, so ist Michelangelo im Gegensatze 
dazu der bewusste Idealist, dessen Welt ausserhalb der unserigen liegt. 
Obgleich Michelangelds Madonnen jener individuellen Züge entbehren, so 
sind sie doch höchst individuelle Schöpfungen und sprechen einen wesent- 
lichen Zug seines Charakters aus. Michelangelo sucht in seinen Madonnen ein 
grosses, von allem Kleinlichen befreites Ideal zu verkörpern, das Anmuthige 
und Liebliche des Weibes zieht ihn wenig an und auch das zarte, herz- 
liche Verhältniss zwischen Mutter und Kind tritt bei seinen Werken gewiss 
nicht in die erste Linie; bei der Madonna auf der Treppe birgt sich das 
Kind fast schüchtern in die Falten des Mantels, und die edle, hoheitsvolle 
Gestalt der Mutter beugt sich nicht zu dem Kinde herab, und doch besitzt 
sie, bei der man noch am ehesten an Anregungen durch die schlanken 
Gestalten schöner Florentinerinnen erinnert wird, noch einen weichen Zug, 
der bei den späteren Werken schwindet. 
In ernste Gedanken versunken, scheinbar kaum des vor ihr stehenden 
Kindes achtend, blickt die Madonna von Brügge sinnend vor sich hin. 
Am vollendetsten sprechen Michelangelds Madonnenideal wohl die runden 
Reliefs in Florenz und London aus; die Kinder haben hier noch einen 
gewissen gemüthvollen Zug, der später schwindet, die Madonna ein hohes, 
edles Wesen. S0 zeigt schon, allerdings noch im Keime, die Madonna 
auf der Treppe Michelangelds weibliches Ideal einfach, gross, edel und 
voll tiefen Ernstes; die Anmuth und das Holde am Weibe blieben ihm 
verschlossen wie das Zärtliche und Innige; er strebt auch hier nur nach
        

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