Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421611
und italienische Kunst. 
Deutsche 
aus, ein bezeichnendes Gegenstück zum deutschen Erker, so besonders 
in Venedig durch den hübschen Balkon oder die Galerie, nach denen sich 
der Saal mit grossen Thüren öffnet. Ein charakteristisches Motiv des 
italienischen Palastes bildet aber vor allem die Säulenhalle; liegt sie nach 
der Strasse, wie dies am bedeutendsten die Bologneser Hallen zeigen, so 
gehört dieser Theil des Palastes überhaupt dem öffentlichen Leben, liegen 
die Hallen aber, in einem oder mehreren Stockwerken durchgeführt, nach 
dem Hofe zu, wofür ja Rom, Florenz, Genua, auch Venedig, Mantua u. a. 
eine Reihe der herrlichsten Beispiele bieten, so öffnet sich durch diese 
reizvollen Räume das Haus doch wieder nach dem Freien, besonders bei 
Villen nach schönen Gartenanlagen, und in der Stadt drang und dringt 
ja zuweilen heute noch das Leben der Strasse ungehindert in diese Räume 
ein. Das Aeussere, die Fagade und die Säulenhalle, die Räume, durch 
die wir das Haus betreten, wie die Vorhalle und das Treppenhaus, die 
Prunksäle, in denen man grosse, lichte Räume in schönen Verhältnissen 
erstrebt, sind das künstlerisch Bedeutende am italienischen Palaste. Nicht 
von der Freude künstlerischer Zier am Kleinen und Kleinsten wie in dem 
bescheidenen deutschen Hause, sondern von der Freude am Grossen und 
Schönen ging die Kunst im italienischen Palaste und an demselben aus; 
die Kunst des deutschen Hauses, wie ich sie oben andeutete, musste der 
italienischen Kunst fremd bleiben, da sie ja dieses Haus nicht kannte, 
aber grösser und glänzender musste sich die Kunst in den herrlichen, 
freien Räumen des italienischen Palastes entfalten. 
Gehen wir aus dem Hause auf die Strasse, so tritt uns im Gesammt- 
bild der Stadt dieser Gegensatz gleich scharf entgegen. 
Die grosse Hauptstrasse wder Corsoa, die prächtigen monumentalen 
Plätze bestimmen den Charakter der italienischen Stadt; ich erinnere bei- 
spielsweise nur an Rom, oder an den Platz 'vor dem Campo santo zu 
Pisa, an die via nuova oder den Hafen zu Genua, an die piazza Vittorio Ema- 
nuele und den Corso zu Padua, an die Hauptplätze Veronas, vor Allem auch 
an Venedig, wo auch den alten italienischen Malern die piazza, piazzetta 
und der canal grande als das Schönste und Charakteristischste ihrer Stadt 
galten, während auf die intimen Reize der kleinen Seitenkanäle, deren 
feines Licht und Farbenspiel uns heute fast nicht minder entzückt als 
jene prächtigen Bilder, erst die deutsche Kunst hinwies, und wenn sich 
jetzt auch die italienischen Maler oft mit Glück derartigen Vorwürfen 
zuwenden, so beweist dies nur den Einfluss der nordischen Kunst auf die 
Italiens in der Gegenwart. 
Bei den deutschen Städten dagegen, welche gleich Nürnberg, Regens- 
burg oder Köln die echt deutsche, mittelalterliche Anlage bewahrten, im 
Gegensatze etwa zu Augsburg, das gleich den kleinen bayerischen Städten 
in seiner Anlage offenbar durch Italien beeinflusst ist, ist es gerade
        

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