Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423358
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Giovanni 
Bellini. 
Murano 1488 vollendet; das herrlichste dieser Gattung aber, das Altarbild 
von S. Zaccaria, 1505 gemalt. Bellini war damals bereits siebenundsiebzig 
Jahre alt; im folgenden Jahre war es, wo Dürer mit Recht schrieb, ver 
ist sehr alt, aber immer noch der Beste in der Malereia. Manche 
gerade unserer bedeutendsten Maler haben ein hohes Alter erreicht und 
noch ein reiches Werk aus ihren späten Lebensjahren hinterlassen. Ich 
erinnere nur an Rembrandt, der mit 63 Jahren starb, Hals, der mit 86, 
Michelangelo mit 88, Tizian mit 99, wobei namentlich ein Vergleich 
zwischen Rembrandt und Tizian zeigt, in wie verschiedenen Jahren, wie 
ja auch im täglichen Leben das Greisenalter beginnt. Rembrandt ist nur 
63 Jahre alt geworden und doch kann man seine letzte Periode nach 
ihrem ganzen Charakter nicht anders, als die des greisen Rembrandt 
nennen, während man die Werke des 78jährigen Tizian, z. B. das Votiv- 
bild des Grimani im Dogenpalast, noch nicht zu den Werken seines 
Greisenalters rechnen wird. Der eigenthümliche Reiz der letzten Schaffens- 
periode dieser und mancher anderer Meister ruht darin, dass sie gerade 
in den spätesten Werken mit ihr Charakteristischstes geben, rückhaltlos 
scharf pointirt ihre Eigenart aussprechen; sie begnügen sich meist mit 
skizzenhafter Andeutung und lassen sich nicht mehr Zeit, die Gedanken 
sorgfältig durchzubilden, um sie allgemein verständlich zu geben. In 
einem gewissen Gegensatze zu diesen Meistern steht hier Bellini, dessen 
Greisenalter merkwürdig genug mit seinem Hauptwerke, mit der harmo- 
nischsten Leistung seiner Kunst, nämlich mit jenem Altarbilde für 
S. Zaccaria, beginnt. Charakterisirt jene die ernste, mitunter sogar düstere 
Seite des Greisenalters, ein schroffes Abschliessen gegen die Umgebung, 
dadurch die excentrische Steigerung der. eigenen Art, ein hastiges, un- 
ruhiges Arbeiten, so zeigt dagegen Bellini das Liebenswürdige des Alters, 
ein klares, friedliches und mildes Wesen, vereint aber mit jugendlicher 
Wärme des Empiindens. 
Bellini's Bilder sind bis in seine letzten Lebensjahre sorgfältig durch- 
geführt; vor Allem aber erscheint das Licht, das sich so schön über jenes 
Altarbild in S. Zaccaria ergiesst, zu dem die Bilder in Murano und dei 
frari die Vorstufen bilden, charakteristisch für die Stimmung, aus der auch 
noch der hochbetagte Künstler geschaffen. Bellini's Licht strahlt seinem 
Wesen entsprechend nicht die Gluth verhaltener Leidenschaft, wie das 
Colorit des Giorgione, auch nicht den herrlichsten Glanz der Farben, die 
Grösse und Macht der Leidenschaft, wie das Tizian's, sondern sein 
mildes, jedoch so warmes Licht ist der Ausdruck eines stillbefriedigten, 
aber tiefgemüthvollen Daseins voll zarten Empfindens; es hat nicht die 
höchste Pracht des Colorits, aber gerade in seiner zarten, keuschen Zu- 
rückhaltung birgt es einen gar feinen Reiz, eine knospenhafte Schönheit, 
es ist der Morgen des goldenen Zeitalters der venezianischen Coloristik.
        

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