Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423250
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Giovanni 
Bellini. 
Liebenswürdiges in dem netten Köpfchen des Christuskindes; auch lässt 
sich, obgleich es mannigfach gelitten hat, wohl nicht verkennen, dass es 
ein für jene Entwicklungsstufe entschieden beachtenswerthes, malerisches 
Empfinden zeigt. Bei einem Vergleich mit den verwandten Schöpfungen 
Giovannis, zu dem das Bild ja unwillkürlich lockt, wird selbstverständlich 
jeder auf den ersten Blick die ausserordentlichen Fortschritte erkennen, 
die eben nur in solcher Zeit ein solcher Künstler erreichen konnte; aber 
die Anregungen Jacopos darf man desshalb nicht übersehen, und entschieden 
war er ein original empflndender Künstler, der gerade mit dadurch, dass 
er die Probleme, die in ihm keimten, nicht befriedigend auszusprechen ver- 
mochte, auf das Anregendste auf seinen Sohn und Nachfolger wirken musste. 
Vielleicht nicht weniger, als sein Vater, übte Andrea Mantegna, der 
Schwager Giovanni Bellini's, Einfluss auf dessen künstlerische Entwicklung. 
Mantegna, der 1431 geboren, mithin etwa drei Jahre jünger als Giovanni war, 
hat sich im Gegensatz zu diesem merkwürdig rasch in seiner scharf aus- 
gesprochenen Eigenart entwickelt. Mantegna und Bellini waren grundver- 
schiedene Naturen, ihre Ziele stehen sich fast diametral entgegen; dennoch 
oder besser vielleicht gerade desshalb konnte Giovanni viel von Mantegna 
lernen, und andererseits dankt dieser offenbar Manches den Anregungen der 
Bellini. Mantegna ging aus der Schule von Padua hervor, deren Höhe- 
punkt er bezeichnet. Unter dem Einilusse des gelehrten Padua sucht er 
nach fester theoretischer Grundlage seiner Kunst durch das Studium von 
Perspektive und Anatomie; er strebt, angeregt durch den grossen, floren- 
tinischen Bildhauer Donatello, nach streng plastischer Rundung und zeigt 
durchgehends das gewissenhafteste Naturstudium, ein scharfes Auge für 
alles Charakteristische. Wohl in Folge des Verkehrs mit den Gelehrten 
Paduas ist Mantegna der erste, der, unterstützt durch eine bedeutende 
antiquarische Bildung historische Scenen nicht mehr in dem Gewande und 
der Umgebung seiner, sondern ihrer Zeit sich abspielen lässt. Mantegna's 
Charakter ist ernst, streng, oft sogar herb; aber zuweilen, wie namentlich 
bei seiner Madonna in der Nationalgalerie in London, finden sich auch 
gemüthvolle Züge bei ihm, die Bellini besonders anziehen mussten, übrigens 
theilweise wohl auch dessen Einfluss zuzuschreiben sind. 
Der Sinn für klare Beobachtung der Natur, ein sicheres Beherrschen 
der menschlichen Gestalt, vor Allem aber das scharfe Erfassen des 
Charakteristischen am Menschen waren der Gewinn, den Giovanni aus den 
Anregungen des Mantegna zog; wie stark vorübergehend dessen Einfluss 
auf ihn war, wie sehr aber doch Bellini's Eigenart sich stets deutlich aus- 
spricht, dafür sind vor Allem GiovannPs Darstellungen der Beweinung des 
Leichnams Christi charakteristisch, deren interessantestes Exemplar die 
Brera in Mailand besitzt. Das in Tempera gemalte Bild, dessen Farben 
nicht unwesentlich gelitten, zeigt hinter einer Mauerbrüstung die Halb-
        

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