Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423206
Giovanni Bellini. 
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Zu dieser glänzenden Erscheinung Tizians steht die bescheidene des 
Mannes, der ihm die Bahn geebnet, Giovanni Bellini's, in einem entschie- 
denen Gegensatz. Für ihn ist gerade charakteristisch, dass man ihn nur 
in Venedig, da aber auch ganz studiren kann, und dass die Bilder, die 
von dort nach auswärts, namentlich nach London, gebracht wurden, da- 
durch aus dem Zusammenhang gerissen, ihrer richtigen Umgebung beraubt 
erscheinen. Nicht minder als Tizian's Kunst gründet auch die Be1lini's in 
dem künstlerischen Charakter der Lagunenstadt, aber es ist eine andere, 
zwar minder glänzende, aber nicht minder anziehende und poetische Seite 
desselben, welche die Anregung zu seinem künstlerischen Schaffen bot. 
Wir verlassen die piazza mit ihrem reichen Leben und schlendern 
durch die engen Gassen und Gässchen an S. Maria formosa und S. Gio- 
vanni e Paolo vorüber nach der entgegengesetzten Nordseite der Insel. Es 
ist ein stiller Weg, aber voll der feinsten malerischen und poetischen Reize; 
die Sonne blickt so freundlich zwischen den engen Häusern durch, ihre 
Strahlen spielen anmuthig über dem dunkeln Wasser der Kanäle, in denen 
sich die Paläste spiegeln, mit ihrem verwitterten Untergeschoss und die 
Pfähle vor denselben, die noch die Farbe der reichen Familie zeigen, die 
einst hier wohnte; es ist ein Bild ehemaliger Pracht, zugleich aber auch 
ein trauriges Bild des Verfalls, das mich oft an gewisse venezianische 
Portraits erinnerte, welche man früher Giorgione zuschrieb, die einen 
schönen, jungen Mann in reicher Tracht darstellen, von dem man erwarten 
sollte, dass er recht glücklich sei; dessen ernste schwermuthvolle Züge aber 
verrathen, dass tiefer Schmerz ihn bedrückt und dessen inneres Leid durch 
den Gegensatz zu dem glänzenden Aeussern um so tiefer rührt. 
Bei den fundamenta nuove gewinnen wir wieder den Ausblick auf 
die Lagunen, wir gehen die fundamenta entlang bis zum westlichen Ende, 
wo die sacca della misericordia angrenzt; an dem letzten kleinen Hause 
springt ein Tragstein vor, auf den wir uns niedersetzen, um uns ganz der 
poetischen Stimmung hinzugeben, die diesem Ort, besonders in den späten 
Abendstunden eigen. Niemand stört an dem stillen Platze, höchstens 
gehen ein paar arme Leute vorüber, die hier wohnen. Venedig übt da 
noch ganz den Zauber einer verfallenen, vergessenen Stadt aus, besonders 
wenn man aus dem Viertel jenseits der sacca della misericordia herüber- 
kommt, wo in der ganz verarmten Gegend bei der interessanten Kirche 
S. Maria nell orto eine Reihe einst schöner Paläste in traurigem Verfall 
sich zeigen. Vor uns aber erhebt sich aus den Lagunen, von den letzten 
Strahlen der untergehenden Sonne umflossen, der cimeterio, rechts davon 
sehen wir in der Ferne Torcello mit seinem alten Dom, links vom cime- 
terio das einst so bedeutende, jetzt aber, abgesehen von einigen Fabriken, 
arme und stille Murano, den Horizont säumen die prächtigen Alpen mit 
ihren schneeigen Häuptern; es ist eine weiche, aber unendlich friedliche
        

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