Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423142
Dürer's Kunst 
Haus. 
fürs 
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nahmen und sich hierzu natürlich vor Allem an seine Stiche und Schnitte 
wendeten, bekannt, wie hoch die Italiener diese Arbeiten schätzten und 
den historisch bedeutendsten Einfluss, der bisher noch nicht genügend 
gewürdigt wurde, übte Dürer auf die holländische Kunst. 
Dass sich bei so vielen Künstlern der nächsten Generationen auch 
bis in weite Entfernung die Anregung Dürefscher Kunst verfolgen lässt, 
ist ein charakteristisches Zeichen für die durchschlagende Wirkung, die 
sie bei ihrem Erscheinen übte; aber man irrt gar sehr und greift die 
historische Bedeutung Dürer's viel zu klein, wenn man glaubt, hierin liege 
der Schwerpunkt derselben. Der Einfluss Dürer's auf die Entwicklung 
der deutschen, ja der gesammten nordischen Kunst ist ein so bedeutender 
und tiefgehender, dass er wohl nie erschöpfend dargestellt werden wird; 
die Anregung, welche Dürer besonders durch seine Stiche und Schnitte 
so unendlich vielen Künstlern bot, den Einfluss, den er auf die Förderung 
des Kunstsinnes im Hause übte, wer kann sie verfolgen? um so mehr als 
wir hierbei ja nicht nur an die Zeitgenossen Dürer's und die nächst- 
folgenden Generationen denken dürfen, sondern auch spätere Zeiten ins 
Auge fassen müssen; denn wie viel dankt Dürer die neu erwachende 
deutsche Kunst des I9. Jahrhunderts, deren Meister ja stets ihrer Be- 
wunderung für den grossen Künstler so offen Ausdruck gaben. Nur auf 
ein Beispiel, das für tausende verwandte Fälle sprechen mag, möchte ich 
hinweisen, um diesen Einfluss zu illustriren, der sich so still und bescheiden 
vollzieht, aber so tief eingreift in das Leben der deutschen Kunst und der 
Bildung des deutschen Volkes. 
Am 6. April 1828 wurde in Nürnberg der dreihundertjährige Todes- 
tag Albrecht Dürer's durch ein grosses Fest gefeiert; aber nicht von 
diesem Fest, das ein denkwürdiges Ereigniss in der Kunstgeschichte jener 
Zeit war, möchte ich erzählen, sondern von einem gar bescheidenen in 
Meissen, das ohne Festglanz doch eine echte Dürerfeier, die zeigt, wie 
der Meister fortlebt im Herzen des deutschen Volkes. An diesem Abend 
sass nämlich in Meissen einsam, da er erst kürzlich aus Dresden hierher über- 
gesiedelt war, in ungemüthlichem Gemache Adrian Ludwig Richter. Er 
dachte der künstlerischen Genossen, die heute in Dresden zum ersten 
Male zu einem festlichen Gelage sich vereinigten. Da brachte ihm der 
Postbote Abends noch Dürer's Marienleben, das er trotz des in seinen 
damals so bescheidenen Verhältnissen schwer zu erschwingenden Preises 
kürzlich in Dresden in schöner Originalausgabe gekauft hatte. Indem 
Richter in seinem stillen Arbeitszimmer die Blätter auf das Sorgfaltigste 
studirte und mit der herzlichsten Freude genoss, beging er, der Dürer 
wie wohl gar Wenige nachzuempfmden vermochte, die schönste Dürerfeier. 
Wie fruchtbar aber ist dieses Dürerstudium durch Ludwig Richter für die 
Kunst des deutschen Hauses geworden, die er unter den deutschen Malern 
Riehl, Kunstcharaktere. I0
        

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