Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423108
Dürefs Kunst fürs Haus. 
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konnte er hier nicht finden; Dürer überwindet diese schmerzvollen 
Stimmungen, gelangt durch sie zu jenem tief empfundenen inneren Frieden, 
den wir nur durch schwere Kämpfe erringen können. 
In diesem Sinne, glaube ich, müssen wir die Melancholie und den 
Hieronymus als Gegenstücke auffassen; Dürer spricht in ihnen ganz als 
der moderne Künstler die eigensten Empündungen aus, in der Melancholie 
durch eine Idealgestalt voll mächtiger Charakteristik, im Hieronymus durch 
einen landläufigen, Allen verständlichen Vorwurf. Ob er selbst an eine 
äusserliche Gegenüberstellung gedacht, kann uns gleichgültig sein, inner- 
lich gehören die beiden ganz aus subjektiver Empfindung geschaffenen 
Blätter zusammen, die so tief in das Seelenleben und die Arbeit des 
forschenden Künstlers blicken lassen. 
Dürefs Ziel nach dieser Richtung aber, das offenbar nicht nur mit 
der Vollendung des Künstlers, sondern auch mit dem Ausreifen des ganzen 
Menschen zusammenhängt, zeigt im Kupferstich derselbe Gegenstand wie 
im Gemälde, nämlich eine Reihe von Apostelfiguren, von denen Thomas 
und Paulus 1514, also in dem gleichen Jahre wie die Melancholie und der 
Hieronymus gestochen wurden, Bartholomäus und Simon 1523, Philippus 
1526, also in dem Jahre, in welchem Dürer die Gemälde mit den vier 
Aposteln vollendete. 
Das Studium grosser Charaktere findet hier seinen Abschluss in 
mächtigen Gestalten, die zwar völlig naturwahr sind, aber doch gegen- 
über der uns umgebenden Natur eine eigenartige Seigerung ins Grosse 
und Mächtige durch Dürer's Geist erfahren. Einfach gross, wonach der 
Meister sein ganzes Leben hindurch gestrebt hatte, ist der Stil dieser 
{Figuren trotz des kleinen Formates der Blätter. Der Mensch allein, 
dessen Aeusseres besonders aber auch dessen inneres Leben zu erforschen 
das höchste Ziel seines künstlerischen Strebens war, bildet hier den aus- 
schliesslichen Gegenstand; die Umgebung wird nur angedeutet. Wie sich 
in Dürer während der Zeit, wo er an diesen fünf Blättern arbeitete, ein 
wirklich grosser Stil entwickelte, zeigt vor Allem die Gewandung, welchen 
Fortschritt beobachten wir hier von dem Thomas bei dem besonders in 
den Falten des Mantels noch manches Kleinliche und Ueberhäufte bis zu 
dem Philippus, wo Dürer dasselbe Gewandmotiv wie bei dem Paulus auf 
dem Gemälde verwerthet. 
Aber nicht nur im Aeusserlichen zeigt sich das Wachsen und die 
veränderte Auffassung, für die es vielleicht nicht ohne Interesse ist, dass 
die beiden ersten Blätter den Kopf noch vom Heiligenschein umgeben 
zeigen, während die späteren dessen entbehren, sondern  was die Haupt- 
sache  auch innerlich, in den Charakteren sehen wir eine bedeutsame 
Steigerung, zugleich aber eine ruhige Klärung.
        

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