Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423064
Dürefs Kunst fürs Haus. 
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dem folgenden Blatte dem Tode der Maria die Stunden schwersten Leides; 
aber charakteristischer Weise fasst auch sie Dürer, namentlich den Tod 
der Jungfrau, nicht als grossartige, dramatische Erreignisse, sondern stellt 
dar den Abschied des Sohnes von seiner Mutter, den Tod der Maria, 
die, von ihren Freunden umgeben, voll Frieden in ihrem Bette ent- 
schlummert. 
In der Himmelfahrt und Krönung Mariä sehen wir die Erhöhung der 
demuthvollen Magd, die auf dem Schlussblatte, umgeben von den Heiligen, 
in der Herrlichkeit erscheint; gerade dieses Blatt ist echt dürerisch, ein 
prächtiger Ausdruck des Geistes, aus dem das ganze Werk geschaffen. 
Nicht feierlich thronend in herrlichem Glanze stellt Dürer die Maria im 
Himmel dar, sondern als die glückliche Mutter im trauten Verkehr mit 
den Heiligen. Sie sitzt in einer stattlichen Halle, in deren Hintergrund 
wir einen Schrank sehen, auf dem ein Krug, eine Flasche, ein Buch 
stehen und das Bett, dessen Vorhänge zugezogen. Maria thront nicht 
über den Heiligen, sondern sitzt mitten unter ihnen, die sich, wie Johannes 
der Täufer, Antonius, Hieronymus und Andere zu ihr herandrängen; 
ganz erfüllt ist sie von dem Glück über ihr Kind, mit dem sie in einem 
Buche liest, das diesem ein Engel vorhält, während ein Anderer die Harfe 
spielt, Joseph aber steht hinter der Maria und hat andachtsvoll seine 
Mütze abgenommen. Auf der kleinen, ganz niedrigen Brüstung, die das 
Bild nach vorn abschliesst, stehen Blumentöpfe und liegt das Rad der 
hl. Katharina; gar reizend aber sind die kleinen Engelchen, die sich hier 
umhertreiben, von denen zwei Wappen halten, einer die Flöte bläst, 
während ein vierter einem Hasen nachjagt, den er eben an einem Hinter- 
lauf packen will. Nicht in Glanz und Herrlichkeit, nicht in einem 
erträumten höheren Dasein sieht Dürer den Himmel, sondern dem Meister, 
der die Kunst des deutschen Hauses begründet, indem er dessen Poesie 
so tief ergreift, ruht auch sein Himmel in dem Glück des Hauses, der 
Familie. 
Das Marienleben ist das umfassendste Werk, das Dürer der Schilderung 
seines weiblichen Ideals gewidmet; bei dem so streng männlichen Charakter 
des Meisters tritt dasselbe auf den ersten Blick in seiner Kunst bescheiden 
zurück, aber bei eingehendem Studium wird man bald finden, einen wie 
massgebenden Charakterzug derselben es bildet. Trotz, oder vielleicht 
besser gesagt, gerade wegen seiner echt männlichen Natur konnte Dürer 
eines weiblichen Ideals nicht entbehren und von seinen frühesten bis zu 
den spätesten Werken beschäftigte es ihn in den Gemälden, Holzschnitten, 
Kupferstichen und Zeichnungen, in den hl. Familien, der hl. Sippe, vor 
Allem aber in den zahlreichen Madonnen. 
Dürer's Madonnen entstammen nicht dem Streben, ein Ideal weiblicher 
Schönheit oder auch nur Anmuth zu schaffen  hierzu hält er sich schon
        

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