Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423054
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Dürefs Kunst fürs Haus. 
Haus durch die Apokalypse, die Tiefe seiner Empfindung in den Passions- 
folgen; im Marienleben aber gewinntvor Allem das Liebenswurdige und 
Gemüthvolle seines Wesens Ausdruck. Gerade hier hat Dürer, wenn er 
auch einen religiösen Vorwurf behandelt, für das deutsche Haus so recht 
aus demselben gearbeitet; die Poesie des stillen, bescheidenen Glückes 
einer schlichten Familie, deren naturgemässer Mittelpunkt die Frau des 
Hauses ist, schildert er namentlich in den ersten Blättern der Folge. Das 
Marienleben ist  gewiss der schönste Gegenstand der Kunst des Hauses  
ein Hymnus auf die Mutter und die Mutterliebe, wie schon das Titelblatt 
sagt, auf dem Maria dem kleinen frischen Knaben, den sie voll Liebe, 
Freude und Stolz anblickt, die nährende Brust reicht. Dagegen verherr- 
licht die Gattenliebe die Begegnung von Joachim und Anna vor der 
goldenen Pforte, wo sich die Beiden nach der schmerzvollen Trennung 
zum. ersten Male wieder umarmen und die Frau dem Manne sagt, dass 
ihr sehnlichster Wunsch erfüllt, dass sie Mutter werde. 
Bei der Geburt der Maria schildert Dürer auf das Liebenswürdigste 
das kleine, geschäftige Leben der deutschen Wochenstube, wie die 
Gevatterinnen hülfreich aus der Nachbarschaft zusammeneilen, um die 
Wöchnerin mit dem Süppchen und Wein zu stärken; eine der Frauen, 
welche die Nacht hindurch Wache gehalten, ist neben dem Bette ein- 
genickt, andere sind beschäftigt, des Kindleins zu warten, es zu baden, 
die Wiege und die Wäsche herzurichten, zu ihrer Arbeit stärken sie sich 
ab und zu durch einen kräftigen Trunk, und die Unterhaltung über die 
Stadt und Umgebung scheint im besten Gange. 
Die Anbetung der Hirten und die der Könige zeigen das Glück, das mit 
dem Kinde in die arme Familie gekommen. Aber nicht nur Glück, sondern 
auch Sorge bringt es den Seinen, die Eltern müssen mit dem Kinde flüchten, 
dem gleich nach seinem Eintritt in das Leben die bitterste Verfolgung nach- 
stellt. In einem verfallenen Gebäude, verborgen vor der Welt, leben nun 
die armen Verbannten aber glücklich in ihrer friedlichen Arbeit für das 
geliebte Kind. Das Blatt, das dieses Leben schildert, wie Joseph eifrig 
als Zimmermann arbeitet, Maria Heissig am Rocken spinnt und dabei die 
Wiege tritt, welche die Engel umgeben, die das Kind anbeten oder ihm 
Blumen bringen, während ihre kleinen Genossen spielen und die Spähne 
auflesen, die von Joseph's Arbeit zu Boden fallen, gehört zu den poesie- 
vollsten Schöpfungen Dürer's, ist das schönste Lob eines durch tüchtige 
Arbeit geadelten, bescheidenen Daseins. 
Nach der Rückkehr in die Heimath mahnt das Bild des zwölfjährigen 
Jesus im Tempel an die Sorge der Mutter für den Heranwachsenden, an 
ihre Freude und ihr Erstaunen über seine Geistesgaben. Da in der Ge- 
schichte der folgenden Jahre Maria fast ganz in den Hintergrund tritt, so 
folgt gleich der Abschied Christi von Maria. So kommen hier und in
        

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