Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1423029
Haus. 
fürs 
Dürefs Kunst 
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krone, der uns ansieht mit einem Blick, aus dem die entsetzlichsten 
Qualen und Leiden sprechen, dessen ganzes Wesen aber doch edel und 
voll Hoheit, auch trotz der schmachvollen Verhöhnung, die er duldet 
durch den Krieger, der vor ihm kniet und ihm spottend einen Prügel als 
Scepter reicht; die Hände hat Christus zum Gebet gefaltet, er betet zu 
dem Vater um Kraft, das Leiden ertragen zu können zur Erlösung der 
Menschheit. Das Titelbild giebt den Schüssel zum Verständniss der 
grossen Passion, indem es dazu führt, den leidenden Christus in ihr zu 
studiren, ich erinnere für die hier unvergleichliche Grösse Dürer's nur an 
die Gefangennahme Christi, wie er von den Schergen fortgerissen von 
Judas den Verrätherkuss erhält, trotz alles Leides aber voll festen Ver- 
trauens zum Himmel emporblickt, oder an Christus, wie er unter dem 
Kreuze zusammenbricht und sich nach den klagenden Frauen wendet, oder 
schliesslich an die leider theilvveise im Schnitt verdorbene Bestattung 
Christi, wie die Leiche des Heilands, nachdem er alle Marter überstanden, 
von seinen Freunden zur letzten Ruhe getragen wird. 
Die grosse Passion, vor Allem die Gestalt Christi in derselben zeigt 
den gewaltigen Fortschritt, der die zweite Periode DüreNs im Gegensatz 
zur ersten in der Kunst des Hauses charakterisirt, nämlich den Gedanken, 
den Menschen in seinem Innersten zu erfassen, die schwersten Seelen- 
kämpfe, das tiefste Leid, aber auch das Edle und Hohe, die Macht eines 
grossen Geistes zur Darstellung zu bringen; das war es auch, was Dürer 
stets wieder zur Passion zurücktrieb, warum er sich in ihrer Darstellung 
nie genug thun konnte, darin liegt auch seine grösste That, der Haupt- 
moment seiner historischen Bedeutung. Die Herrschaft der Form bedurfte 
er, um seine Gedanken und Empfindungen auszusprechen, und er hat 
Grosses geleistet für die Entwicklung der nordischen Kunst durch seine 
Förderung des Formverständnisses, Grösseres aber noch dadurch, dass er 
in den Zügen und in der ganzen Gestalt das innere Leben, das Empfinden 
und den Charakter des Menschen ausdrückt. Darin liegt ja auch der 
grosse Fortschritt der ziveiten Blüthe der Malerei des Nordens, derjenigen 
durch die oberdeutschen Schulen in der Wende vom I5. zum I6. jahr- 
hundert, im Gegensatz zu der ersten durch die Niederländer des I5.]ahr- 
hunderts; diese begnügt sich mit einer einfachen Wiedergabe der Natur, 
jene aber, und zwar in erster Linie durch Dürer, vertieft das Problem, 
indem sie mit der Wiedergabe der äusseren Erscheinung das innere Leben 
des Menschen darzustellen strebt, nicht nur sein physisches, sondern vor 
Allem auch sein psychisches Wesen als künstlerischen Vorwurf aufgreift. 
Ansätze zu dieser Richtung finden sich bereits in sehr frühen Werken 
Dürer's, ja schon in manchen Schongauens, und die meisten Blätter der 
grossen Passion wurden, wie ja auch die 1504 gezeichnete grüne Passion 
(Wien, Albertina), schon vor der venezianischen Reise entworfen, aber
        

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