Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421578
Deutsche und italienische Kunst. 
wenn ich mich erinnerte, wie ich dort die kleinen Dorfkirchen und 
Kapellen absuche und mich des Abends über die reiche Ausbeute freue, 
wenn einige Holzfiguren, etliche Reste von Glasgemälden oder ein paar 
alte Kirchengeräthe zu verzeichnen sind und wenn ich dann wieder in die 
prachtvolle Landschaft sah, die sich hier ausbreitete, die unerschöpfliche 
Fülle der herrlichsten Kunstwerke bedachte, die Italien birgt; mir fielen 
die Worte Dürers ein, die er aus Venedig an Pirkheimer schrieb: wO wie 
wird mich nach der Sonne frierenl Hier bin ich ein Herr, daheim ein 
Schmarotzerß Aber gerade für das Studium Dürers hatte ich in Italien 
viel gelernt, die tiefernsten Köpfe des Jakobus und Philippus, die reiz- 
volle Anbetung der Könige in den Uffizien, vor Allem aber seine Stiche, 
wie das deutsche Volkslied an jenem Abend, so sprachen auch sie in 
der fremden Umgebung noch wärmer zum Herzen als daheim. Der grosse 
Unterschied zwischen deutscher und italienischer Kunst, er wurde mir 
recht klar; aber ich erkannte auch, wie jede in ihrer Art berechtigt 
und wie die deutsche Kunst naturgemäss unserem Herzen am nächsten 
steht. 
Als Dürer im Jahre 1506 in Venedig das Rosenkranzbild malte, da 
trat er in bewussten Wettstreit mit der italienischen Kunst, er wollte, wie 
er selbst schreibt, den Venezianern zeigen, dass er nicht nur Meister des 
Kupferstiches, sondern auch der Malerei sei, und die Venezianer mussten 
anerkennen, dass er siegreich aus dem Streite hervorgegangen. Noch 
grösser aber greift er unbewusst im Jahre 1511 den Wettkampf auf. 
151i beendete Raphael die Fresken der camera della segnatura; Michel- 
angelo arbeitete an der Decke der sixtinischen Kapelle, die er im folgenden 
Jahre vollendete; Dürer aber malte in diesem Jahre das Allerheiligenbild 
für die Kapelle des Landauer Brüderhauses und gab die drei grossen 
Bücher heraus, die Holzschnittfolgen: der Apokalypse, der grossen Passion 
und des Marienlebens. 
Man wird im ersten Momente staunen über das Wagniss, den ge- 
waltigen Deckengemälden Michelangelos und den in ihrer Formvollendung 
einzigen Fresken Raphaels, das bescheidene Altarbild Dürers, die drei 
schlichten Mappen mit den markig gerissenen Holzschnitten gegenüber- 
zustellen; wenn man aber sieht, welch tiefes Empfinden Dürer auf jenem 
Altarbilde in die Schaar der betenden Engel und Gläubigen gelegt, welcher 
Reichthum der Gedanken in jenen CQmPOSitiOnen für den Holzschnitt 
liegt, welche Fülle des Herzens aus diesen Zeichnungen spricht, in denen 
das Seelenleben vom heftigsten Schmerz bis zum glücklich friedlichen 
Dasein der bescheidensten Familie gleich wahr und tief geschildert wird, 
dann glaube ich, wird man nicht zögern, die drei Meister als gleich- 
befeehtigt anzusehen und damit zu erkennen, dass gerade der Wettstreit
        

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