Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422998
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Haus. 
fürs 
Dürer's Kunst 
während er es 1516 in den Gemälden des Jakobus und Philippus (Florenz, 
Uffizien) so meisterhaft zum Ausdruck bringt. Gerade diese tiefe, seelen- 
volle Auffassung, die Dürer's eigenstes und höchstes Verdienst ist, konnte 
eben nur mühevoll errungen werden, die Stiche aber ermöglichen es, den 
Weg zu verfolgen, den der Künstler dabei zurückgelegt. Eustachius hat 
sich zum Gebete niedergekniet, erstaunt und ergriffen durch das Wunder, 
dass der Hirsch zwischen seinem stattlichen Geweih das Bild des Ge- 
kreuzigten trägt. Die Landschaft, in der sich beide Vorgänge abspielen, 
ist jede in ihrer Art von grosser Schönheit; bei dem Hieronymus eine 
wilde Gebirgsschlucht mit mächtigen, grotesken Felsen, bei dem Eustachius 
der Rand eines Waldes mit dem Ausblick auf eine Burg, die auf hohem 
Felsen gelegen, der links steil gegen das Thal eines kleinen Flüsschens 
abfällt, an dessen Ufer knorrige alte Weiden stehen. Dürer's Sinn für das 
Charakteristische in der Landschaft spricht sich hier scharf aus, zugleich 
aber auch das Streben, durch die Umgebung die Stimmung des Vorganges 
auszusprechen, Wie jeder echte Freund der Natur findet auch er den 
feinsten Ausspruch unserer Gefühle in derselben, die er aber nicht blos 
in der Landschaft, sondern auch in all den lebenden Wesen, die sich in 
ihr tummeln, auf das Sorgfältigste beobachtet, und die Hunde des hl. 
Eustachius zeugen ebenso davon, wie die Schweine und Ferkel auf dem 
Bilde des verlorenen Sohnes oder der Löwe des hl. Hieronymus, wie 
Dürer auch die Thiere nicht mehr ein blosser Gattungsbegriff sind, sondern 
wie er auch in ihnen das individuelle Leben erkennt. 
Biblische Vorwürfe behandeln in dieser Periode nur zwei Stiche, Adam 
und Eva (B. I) und der verlorene Sohn (B. 28). Adam und Eva von 
1504 ist das Meisterstück dieser Zeit sowohl durch die technische Voll- 
endung als auch durch die herrlichen menschlichen Gestalten, die vor 
Allem durch den Gegensatz fesseln, der weichen, schönen Formen des 
Weibesß und der kraftvollen, geschmeidigen Gestalt des Mannes. Der ver- 
lorene Sohn, entschieden eines der tief empfundensten Blätter unter den 
Stichen der ersten Periode, ist mit grosser Sorgfalt ausgeführt, bewunderns- 
werth zumal in.der Wiedergabe des Stoff lichen; man sehe z. B. nur auf 
den Unterschied in der Behandlung der Stroh- und Holzdächer, um zu 
erkennen, wie Dürer auch in der Darstellung des einfachen fränkischen 
Bauernhofes eine Fülle feinster malerischer Beobachtung zeigt. Der ver- 
lorene Sohn wird durch das schwerste Unglück gestraft, ist auf das 
Tiefste erniedrigt; die Schweine, die er hütet, hat er eben zur Fütterung 
nach Hause getrieben und sie freuen sich ihres Mahles, während er darben 
muss; er kniet neben dem Troge nieder, ein Mann mit schönem, ener- 
gischem Kopf, den eine reiche Lockenfülle umgiebt, man sieht, er ist zu 
anderer Arbeit bestimmt; die feste Haltung des Jünglings jedoch, der die 
Hände zum innigen Gebete fest in einander presst, den Blick vertrauensvoll
        

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