Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422989
fürs Haus. 
Dürefs Kunst 
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ebenso in der Natur, wie hässliche, aber allerdings treten uns diese 
letzteren prägnanter entgegen, sind daher leichter zu erfassen, und dadurch 
erklärt sich, dass Dürer, gleich anderen Künstlern, zuweilen von ihnen 
ausging. 
S0 wichtig aber das Formstudium für Dürer als eine Grundlage seiner 
Kunst war, so war es ihm doch entschieden nur Mittel zum Zweck, denn 
gerade seine bedeutendsten Werke sind nicht rein formale, sondern benützen 
die Form, um seine Gedanken, um die Charaktere, die das Hauptproblem 
seiner Studien bildeten, auszusprechen. Es ist daher leicht begreiflich, 
dass Dürer diese mythologischen Vorwürfe, die ihn künstlerisch doch 
lediglich wegen der Formstudien, der Akte, die er hier anbringen konnte, 
interessirten, aufgab, um so mehr, als sie für ihn doch immer etwas F remd- 
artiges haben mussten, selbst wenn er sie, wie auf dem Raub der Amymone 
oder auf der grossen Fortuna, mit der schönsten deutschen Landschaft 
schmückte. Auch im Kupferstiche wendet sich daher Dürer jetzt immer 
mehr dem religiösen Gebiete zu, indem er sein und seiner Zeit eigenstes 
und tiefstes Fühlen und Empfinden aussprechen konnte, namentlich da er 
es ganz im Geiste seiner Zeit, wie wir schon beim Hieronymus in der 
Zelle sahen, auch benützte, um allgemein menschlichen Stimmungen und 
Empfindungen Ausdruck zu geben. 
Die Stiche aus dem Gebiete der kirchlichen Kunst treten in dieser 
Zeit nicht so ausschliesslich in den Vordergrund, wie später, aber doch 
hat Dürer auch jetzt dieses Gebiet keineswegs unbeachtet gelassen, ja es 
gehören ihm sogar einige der trefflichsten Blätter der Zeit an, von denen 
vor Allem die Darstellungen einzelner Heiliger dadurch interessant 
erscheinen, dass Dürer weiterhin gerade in diesen sein bedeutendstes Ziel 
verfolgte. Gegenüber dem tiefen Problem, dem Studium menschlicher 
Charaktere, das Dürer später in diesen Blättern beschäftigte, erscheinen 
diese Gestalten in der Auffassung meist noch sehr einfach; auch bei 
ihnen tritt noch das Studium der Form im Allgemeinen deutlich in den 
Vordergrund, so bei dem frühen Blatte der Busse des hl. Chrysostomus 
(B. 63), wo übrigens die ansprechende, nackte weibliche Gestalt auch fein 
empfunden, besondersin dem Ausdruck der Freude und liebevollen Sorg- 
falt, mit der sie das Kind stillt, oder in den beiden Darstellungen des 
hl. Sebastian (B. 55 u. 56), von denen jedoch besonders der an den Baum 
gebundene, durch sein Gott ergebenes Tragen des schweren Leides, durch 
den schmerzvollen, zu Boden gesenkten Blick schon auf die späteren 
Probleme Dürer's hinweist, und ähnlich der Schmerzensmann (B. 20). 
Das meiste Interesse beanspruchen in dieser Gruppe entschieden die 
beiden grossen Blätter, St. Hieronymus in der Wildniss (B. 61) und 
St. Eustachiusi (B. 57). In dem Hieronymus will Dürer die schrnerzvolle 
Busse, das Ringen im Gebete darstellen; aber wie wenig gelingt ihm dies, 
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