Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422979
130 
Haus. 
Kunst fürs 
Dürefs 
Dürer's überlegen, doch schon durch den Inhalt der Zusammenhang mit 
jenen erkennen, die Anregung, die Dürer von ihnen empfangen hatte, so 
zeigt dagegen die umfangreichste Gruppe der Stiche dieser Periode, die 
Blätter mythologisch-allegorischen Inhalts, sowohl dem Gegenstande als 
auch der Darstellung nach Dürer durchweg als den kühnen Neuerer in der 
Kunst des Nordens. Die Absicht, das Stoffgebiet der zeichnenden Künste 
zu erweitern, die ihn in den früheren Jahren sehr stark beschäftigte, ist 
hier klar; später, wo er sich im Stoffe beschränkt, greift er derartige 
Gegenstände nur mehr ganz vereinzelt auf. Dass Dürer in der Wahl des 
Stoffes bei diesen Blättern von seinen gelehrten Freunden, noch bedeutender 
aber durch die italienische Kunst beeinflusst wurde, ist sicher, aber er 
erfasst diese Vorwürfe durchweg selbständig, verfolgt in ihnen seine eigenen 
Ziele; das vornehmste derselben war unstreitig das Studium der mensch- 
liehen, hier vor Allem der weiblichen Gestalt. 1) Man muss sich daran 
erinnern, auf welch befangener Stufe das Formgefühl der nordischen Kunst 
am Ausgange des Mittelalters stand; man muss bedenken, dass diese 
Stiche Dürens meist dem Ende des I5. Jahrhunderts und den ersten 
Jahren des 16. angehören, um deren grosses Verdienst gerecht zu würdigen. 
Das Studium des menschlichen Körpers bildete naturgemäss die Grund- 
lage einer Kunst, wie der Dürer's; er verfolgte es mit unermüdlichem 
Eifer durch sein ganzes Leben; seine theoretischen Untersuchungen, durch 
die er aber nicht etwa einen Kanon für die Zeichnung zu gewinnen, sondern 
nur Klarheit über das Gesetzmässige in der Form des menschlichen 
Körpers, vor Allem natürlich über die Verhältnisse desselben erstrebt, be- 
zeugen dies; weit interessanter aber noch seine herrlichen Zeichnungen. 
Der Ausgangspunkt von Dürerls Studien, sein stetes Vorbild war die 
Natur, und in erster Linie war es ihm, so recht bezeichnend für 
sein ganzes Wesen, um Wahrheit der Form, um das Erfassen des 
Charakteristischen, weniger um Schönheit zu thun. Die grosse Fortuna 
(B. 77) zeigt dies deutlich genug; um das mächtige Weib vollkommen 
naturwahr darzustellen, verschmäht Dürer jede Verschönerung; dass aber 
auch er nicht ein solch hässliches, sondern ein, wenn auch nicht ideal 
schönes, so doch naturwahr schönes Weib als das künstlerisch anziehender-e 
Problem erkannte, lehrt gerade wieder ein Blick auf die Stiche. Die grosse 
Fortuna steht in ihrer Hässlichkeit doch vereinzelt da, sie war gewiss nicht 
das Endziel von Dürefs Studium der weiblichen Gestalt, sondern dasselbe 
ist die hübsche Eva auf dem Stiche von 1504 (B. I), Schöne lFiormen  
es scheint dies heutzutage ja nicht selbstverständlich zu sein  finden sich 
1) Ueber das Formstudium Dürefs als den bestimmenden Faktor seiner Entwicklung 
handelt eingehend A. Springer in seinen Bildern zur neueren Kunstgeschichte II, 43 u. ff., 
sowie in der soeben (nach der Niederschrift dieses Aufsatzes) erschienenen Dürer-Biographie.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.