Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422966
Kunst 
Dürefs 
Haus. 
fürs 
129 
Aber nicht nur in den wenigen Genrestichen ruht Dürer's Bedeutung 
für das Sittenbild, so wichtig diese auch sind, um so mehr, als sie von 
seinen Nachfolgern auf das Mannigfaltigste variirt wurden; sondern vor 
Allem fördert Dürer das Sittenbild durch sein poetisches und malerisches 
Erfassen des täglichen Lebens, das er aber seiner Zeit gemäss meist in 
religiösen Stoffen ausspricht. Eines der schönsten Beispiele hierfür ist 
der Kupferstich der: Geburt Christi von 1504 (B. 2), wo in die Ruine eine 
armselige Hütte eingebaut ist, in der Maria und in einiger Entfernung die 
Hirten vor dem Kinde knieen, während Joseph an dem Ziehbrunnen im 
Hofe Wasser holt. Welche Fülle von Poesie liegt in dem einfachen Bildchen 
dadurch, dass die eigenartigen Reize dieser kleinen Welt so liebevoll 
erfasst sind; wie sieht der Künstler selbst in dieser zerbröckelten Mauer 
des alten, einst stattlichen Gebäudes, an der kleinen Hütte mit morschem 
Fachwerkbau, die in dasselbe gebaut wurde, das malerisch Anziehende; 
man sieht, wie an dem Bewurf der Wand, an den Backsteinen und Balken, 
auch an den verwitterten Fensterladen mit den eisernen Beschlägen und 
an dem Brunnen jeder Strich empfunden, auch das Allerkleinste liebevoll 
verstanden und dargestellt ist. Der Naturalismus ist kein neues Gut der 
Renaissance, denn vom ersten Striche an, der gezeichnet wird, strebt der 
NIensch, naturwahr zu gestalten, und die Entwickelung des Naturalismus 
ist der rothe Faden in der Geschichte der Plastik und Malerei des Mittel- 
alters; neu aber war dieses Vertiefen in die Natur bis ins Kleinste, das 
liebevolle sich Versenken in dieselbe; echt deutsch aber ist es, auch das 
bescheidenste Motiv in diesem Sinne aufzugreifen, den künstlerischen Reiz 
auch des täglichen Lebens zu erfassen und dadurch den Beschauer zu 
lehren, ihn selbst in seiner Umgebung aufzusuchen, eine der höchsten Auf- 
gaben des Sittenbildes. 
Dürer zeichnet in mehreren, namentlich früheren Stichen Wappen, 
wie in dem mit grosser Feinheit ausgeführten Löwenwappen (B. 100); auch 
hierin lehnt er sich an seine Vorgänger ebenso, wie mit den allegorischen 
und humoristischen Wappen und dem freien Spiel mit den Wappenhaltern, 
so entfaltet er seinen Humor auf dem frühen Stiche des Wappens mit den 
drei Putten (B. 66), dagegen ist ein geistvolles, wirklich ergreifendes Blatt 
sein Wappen des Todes von 1503 (B. 101), das die Jungfrau und der 
wilde Mann halten, der sich kosend ihr naht, ebenso bezeichnend für die 
reiche ornamentale Erfindung Dürer's, wie für seine sorgfältige, den Stoff 
meisterhaft charakterisirende Behandlung. Auch später hat sich Dürer 
noch mehrfach mit Wappenzeichnen, namentlich auch im Holzschnitt, 
beschäftigt; ein Meisterstück dieser Art ist der grosse Holzschnitt des 
Rogendorffer Wappens, geradezu grossartig in dem freien Schwung der 
Linien, der phantasievollen Zeichnung des Ornaments.  
Lässt sich in diesen Stichen, soweit sie auch denen der Vorgänger 
Riehl, Kunstcharaktere. 9
        

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