Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422959
Dürefs Kunst fürs Haus. 
Der Kupferstich dagegen wendet sich an erlesenere Kreise; wie Dürer 
dies berücksichtigte, zeigen schon die Gegenstände, die er hier, zumal in 
der ersten Periode, die sich bis 1505 erstreckt, aufgriff, besonders die 
mythologischen Bilder, die offenbar für die gebildete und gelehrte Welt 
seiner Zeit berechnet waren, in der sie, da Allen verständlich und geläufig, 
das grösste Interesse erregen mussten, die religiösen Gegenstände dagegen 
treten in den Stichen dieser Zeit entschieden zurück. Im Kupferstiche 
haben wir im Gegensatz zum Holzschnitt die direkte Handschrift des 
Künstlers vor uns, das Werk, das er selbst mit grösstem Fleiss bis zum 
Drucke eigenhändig ausgeführt; daher experimentirt Dürer hier mit ver- 
schiedenen technischen Verfahren, und es gelingt ihm, die Technik des 
Kupferstiches zu einer bis dahin ungeahnten Höhe zu erheben, die erst 
zeigte, welch feiner, namentlich malerischer Reize diese Kunst fähig, 
besonders wieder im Gegensatz zum Holzschnitt, der damals auf eine 
möglichst einfache Zeichnung angewiesen war. 
Der Kupferstich hatte sich schon lange vor Dürer zu wirklich künst- 
lerischer Bedeutung erhoben; Dürer konnte hier von seinen Vorgängern 
wichtige Anregung erhalten und hat sie auch aufgegriffen. In den Kupfer- 
stichen sehen wir daher am klarsten den Zusammenhang zwischen ihm 
und seinen ober- und niederdeutschen Vorgängern, und zwar nicht nur aus 
der Form und Technik, sondern auch aus dem Inhalt der Blätter. Aus 
diesen erkennen wir die Anregungen von Künstlern wie Meister E. S. 
oder etwa von jener Gruppe von Stichen, die man unter der Bezeichnung 
xMClSÜCY des Amsterdamer Kabinetse zusammenzufassen pflegt, und ebenso 
sehen wir aus den mythologischen Blättern neben dem Einfluss des gelehrten 
Kreises seiner Nürnberger Freunde den der italienischen Kunst, besonders 
des Mantegna und Jacopo de Barbari. 
Gleich jenen älteren deutschen Meistern greift auch Dürer im Stich 
häufig zu genreartigen Gegenständen, bald in Vorwürfen, wie besonders 
den Liebesscenen, die bereits jene behandelten, bald auch in einfachen 
Naturstudien, die mitunter voll köstlichen Humors; so der Koch und sein 
Weib (B. 84), die drei Bauern (B. 86), die Türkenfamilie (B. 82), der kleine 
Postreiter (B. 80), die Soldaten und der Türke (B. 88), der Fahnenträger 
(B. 87); er bringt hier, was ihm künstlerisch anziehend erschien, wofür 
er, wenn es fein dargestellt, im Kreise der Kunstfreunde einiges Interesse 
erwarten durfte. In späterer Zeit, wo sich Dürer im Stoffe mehr be- 
schränkte, hat er selten, nur in drei allerdings prächtigen Stichen zum 
Sittenbild gegriffen, nämlich in dem tanzenden Bauernpaar und dem Dudel- 
sackpfeifer von 1514 und in dem Bauernpaar auf dem Markte von 1519. 
Dürer hat keine Sittenbilder gemalt, so wenig wie Landschaften, aber doch 
nimmt er wie in der Geschichte der Landschaftsmalerei so auch in der 
des Sittenbildes eine bedeutende Stellung ein.
        

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