Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422943
Kunst 
Dürefs 
fürs Haus. 
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grossen Fortschritt, den die nordische Kunst hier durch Dürer macht. So 
der Kampf Michaels mit dem Drachen gegenüber einem der schönsten 
Blätter seines bedeutendsten oberdeutschen Vorgängers, nämlich Schon- 
giauer's Stich gleichen Inhalts; bei diesem die schöne Gestalt Michael's, 
dessen Flügel nur dazu dienen, den Engel zu charakterisiren, unter dem 
sich ein Unthier windet, auf das er seinen Stab stellt, wodurch wir 
erkennen, dass hier der Erzengel Michael dargestellt ist, bei Dürer dagegen 
der Moment des Kampfes des göttlichen Boten gegen den teuflichen 
Drachen. Mit ganzer Kraft führt Michael den Stoss gegen den Satan, 
die gewaltigen, ausgebreiteten Schwingen zeugen von der Wucht, mit der 
er herniedersaust, der Kopf von der mächtigen Leidenschaft, die in ihm 
tobt. Kein Werk der älteren Kunst zeigt als Vollstrecker der göttlichen 
Befehle so echt männliche Charaktere in so energischer und gewaltiger 
Auffassung, und auch in der späteren Kunst suchen wir vergebens nach 
Gestalten, die hierin völlig ebenbürtig neben diese eigensten Schöpfungen 
Dürefscher Phantasie treten. 
Als ein jugendwerk Dürer's zeigt die Apokalypse noch manche 
Schwächen; aber gerade in dem echten Charakter des Jugendwerkes 
gründet auch ihr eigenster Reiz. Es fehlt dem Werke vor Allem die 
Mässigung, die denen des reifen Alters eigen; gerade die jugendliche 
Kraft aber ergreift uns mächtig, mit der hier zum ersten Male das schmerz- 
volle Ringen, die tiefe, verhaltene, aber mächtige Leidenschaft in der Brust 
des jugendlichen deutschen Künstlers Ausdruck gewinnt, mit elementarer 
Wucht bricht sich der künstlerische Genius Bahn; gerade hier erkennen 
wir, wie Dürer die neue Zeit, ausgehend von dem Boden mittelalterlicher 
Kunst, selbst mit errungen. 
Einen wesentlich anderen Charakter und dadurch vielfach eine andere 
Aufgabe als der Holzschnitt besitzt der Kupferstich. Jener arbeitet sich 
aus groben handwerklichen Versuchen empor und wird erst durch Dürer 
wirklich künstlerisch verwerthet, zwischen die Zeichnung des Meisters und 
das fertige Kunstblatt tritt noch der Holzschneider; wie viel geht durch 
ihn bei einer grossen Anzahl Dürenscher Blätter verloren, wie oft wird 
die Zeichnung verdorben. Der Holzschnitt besitzt seine einfache von den 
Vorgängern überlieferte Technik, die zu Dürers Zeiten keine wesentliche 
Veränderung erfahrt, wenn sie auch sorgfältiger angewendet, feiner aus- 
gebildet wird. Am meisten bewundern wir hier den Künstler, wie er sich 
der Technik anbequernte, nichts verlangte, was ausserhalb ihrer Grenzen 
lag, innerhalb derselben aber trotz aller Beschränkung die mächtigste 
Wirkung erzielte. Der grösste Vortheil des Holzschnittes war seine volks- 
thümliche Verbreitung.
        

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