Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422929
Dürefs Kunst fürs Haus. 
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künstlerischen Darstellung grössere Hindernisse entgegensetzt. Man lese 
Kapitel I, I3 und ff., wie Johannes den Auftrag erhält, seine Gesichte zu 
schreiben, oder Kapitel X, I-II, wie Johannes das Buch verschlingt, das 
ihm der Engel gereicht, wder war mit einer Wolke bekleidet, und ein 
Regenbogen auf seinem Haupt, sein Antlitz wie die Sonne und seine F üsse 
wie Feuerpfeilera; oder man denke an Vorwürfe wie die Versiegelung 
der 144000, der Fall der Sterne und vieles Andere; welch einzige Ge- 
staltungskraft gehörte dazu, Derartiges im Bilde festzuhalten, überdies 
meist mehrere solcher Scenen auf einem Blatt zu vereinigen; welch 
gewaltiger Ernst musste den Darstellungen inne wohnen, dass Scenen, wie 
der Johannes, der das Buch verschlingt, nicht komisch, sondern trotz allem 
der Kunst Widerstrebenden des Vorwurfes doch mächtig, ja ergreifend 
wirken. Möge es ein Zweiter versuchen, solche Phantasiegebilde künst- 
lerisch zu gestalten. 
Die Apokalypse ist ein Jugendwerk Dürer's und zeigt daher, wie sein 
künstlerischer Charakter noch auf der mittelalterlichen Kunst fusst, anderer- 
seits aber auch, wie gerade er die engen Fesseln derselben sprengte. 
Das Phantastische des ganzen Stoffes weist zurück auf die deutsche Kunst 
des Mittelalters, wo der Reichthum der Phantasie, entbehrend des ruhigen 
Maasshaltens, das dem Kunstwerk nöthig, sich so häufig in der deutschen 
Kunst in wirrer Phantastik Luft macht. Dass Dürer für sein erstes grosses 
Werk nach der Apokalypse griff, erklärt sich aber auch vor Allem aus dem 
mächtigen Drängen der jugendlichen Brust, der schwierigste und gewal- 
tigste Vorwurf lockt ihn am meisten, er schien ihm am geeignetsten, die 
Fülle seiner Kraft zu erproben die Uebermacht des Gedankens, das Auf- 
greifen von Ideen, die künstlerisch überhaupt nicht bewältigt werden 
können, ist charakteristisch für die Jugend des gedankenreichen Malers. 
Das mittelalterlich-phantastische Wesen, das Dürer mit zu der Wahl 
dieses Stoffes führte, zeigt sich auch im Einzelnen am deutlichsten in dem 
siebenköpfigen Ungeheuer und der alten Schlange, die der Engel auf tausend 
Jahre in den Abgrund verschliesst; dass diese Gestalten uns am wenigsten 
ansprechen, am meisten alterthümlich Befangenes zeigen, ist natürlich, aber 
gleichwohl ist ihr Studium von hohem Reize gegenüber den Teufeln 
seiner Vorgänger, z. B. auf der Versuchung des hl. Antonius von Schon- 
gauer, zeigen sie doch eine mächtige Steigerung; von besonderem Interesse 
aber sind sie für das phantastische F ormenspiel Dürer's, das sich dann in 
seinen Ornamentzeichnungen so glänzend entfaltet. 
Im Gegensatz hiezu lassen die Landschaften, in und über denen sich 
diese Unholde bewegen, durch die Freude an der Natur, besonders durch 
die schlichte Wiedergabe derselben, so recht den modernen Künstler 
erkennen; gerade auf einigen der phantastischsten Blätter sind sie mit 
besonderer Liebe ausgeführt, wie wenn sich der Künstler hier von der
        

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