Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422894
Kunst 
DürePs 
fürs Haus. 
einem Kruziüx betet, das er auf den Stamm eines vom Blitz Zerschmetterten, 
mächtigen Baumes gestellt; aber nicht mit Frieden im Herzen betet er, 
sondern in schmerzlichem Ringen mit sich selbst, und er martert sich, 
indem er mit dem Steine die eigene Brust zerschlägt, um durch 
selbstgeschaffene Qual die früheren Sünden zu sühnen. Wir denken 
andrerseits an die schöne Radirung von 1512, wo Hieronymus an der 
Felswand sitzt, vor sich als einfachsten Schreibtisch ein Brett über zwei 
Steinblöcke gelegt und eben mit seiner Arbeit beginnen will, vorher aber 
noch ein inniges Gebet zu Gott sendet, dass er ihm das schwere Werk 
gelingen lasse. 
Der Friede des Hieronymus in der Zelle ist durch schwere Kämpfe 
des Lebens errungen, und die Welt, in der seine Gedanken arbeiten, ist 
nicht nur eine heitere, sondern auch eine tiefernste-und so auch Dürer's 
Kunst, die er in jenen friedlichen und weihevollen Stunden für das deutsche 
Haus geschaffen. "Sie zeigt Friede und Glück im Hause, von der Arbeit 
des schlichten Handwerkers bis zu der des forschenden Gelehrten; sie 
führt uns aber auch in das Ringen eines mächtigen Geistes und ergreift 
durch die Darstellung des schwersten Leides, der tiefsten Schmerzen. 
Gerade dadurch aber kann sie uns zu einem Freunde fürs Leben werden, 
wie nicht leicht die Kunst eines andern Meisters; aber man muss sie 
nehmen, wie sie gegeben, sich liebevoll in sie versenken, man muss mit 
ihr, die ja von dem Gedanken aus geschaffen, dass wir sie zum täglichen 
Gebrauche im Hause haben sollen, wirklich täglich verkehren, in heiteren 
und ernsten Stunden nach den Blättern greifen, von denen uns bald dieses, 
bald jenes nach der jeweiligen Stimmung besonders anziehen, uns durch 
dieselbe erst in seinem tiefen Empfinden verständlich wird. Nur so wird 
man die Grösse und Fülle der Gedanken, das tiefe Empfinden und das 
reiche Gemüth, die Dürer mit diesen Werken dem deutschen Volke als 
einen eigensten Besitz geschenkt, ganz würdigen können. 
Die Originale von Dürexds Kunst fürs Haus sind heute selten und 
kostbar geworden, und wer einige Blättchen derselben hat, kann sich schon 
eines glücklichen Besitzes rühmen, aber die modernen Reproduktionen 
können es leicht ermöglichen, dass jeder einen ganzen Dürer oder doch 
wenigstens einige Hauptwerke im Hause habe, es steht ihnen hier noch 
ein weites Feld offen; wollen wir hoffen, dass wir bei den dankens- 
werthen Ansätzen 1) nicht lange stehen bleiben, sondern dass jeder Gebildete 
1) Für die allgemeine Verbreitung am geeignetsten erscheinen von den hier in Rede 
stehenden Werken Dürer's die Reproduktionen der vier Holzschnittfolgen, Leipzig, Zehl's 
Verlag, der kleinen Passion, hübsche Ausgabe von Georg Hirth, München 1884, sowie die Licht- 
druck-Reproduktion der Stiche nach den Originalen des Münchener Kupferstichkabinets durch 
Obernetter, München, und die soeben bei Soldan in Nürnberg erschienenen.
        

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