Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422807
Zwei Mönche von 
Marco. 
IIS 
Noch deutlicher, aber nicht gleich selbständig verarbeitet, zeigen den 
EinHuss Michelangelos die lebensgrossen, sitzenden Figuren des Hiob und 
Iesaias in der Tribuna der Uffizien und der kolossale Markus der Galerie 
Pitti, der aus S. Marco stammt 1). Bartolommeo will hier das Grossartige, 
von-dem er ausging, angeregt durch Michelangelo, zum Gewaltigen steigern, 
äusserlich durch die Dimensionen, dann aber namentlich durch die gewalt- 
same Gegenbewegung, wie der Evangelist, der im Profil linkshin gewandt 
sitzt, sich nach rechts herüberdreht, so dass wir das Gesicht fast von 
vorne sehen; am besten erreicht er sein Ziel in der mächtigen Drapirung, 
den grossen Kopf dagegen vermag er nicht ganz zu bewältigen; trotz des 
Ernstes, trotz des Strebens nach leidenschaftlichem Ausdruck kann er eine 
gewisse Allgemeinheit und Leere nicht überwinden. 
Von den grossen Madonnenbildern Bartolommeds zeigt diese Einiiüsse 
in voller Consequenz zuerst die Madonna della misericordia von I 515, jetzt 
in der Pinakothek zu Lucca; der Gegenstand ist der in der deutschen Kunst 
so häufig dargestellte des Schutzmantelbildes. Um einige Stufen erhöht 
steht Maria in der Mitte des Bildes, sie hat die Rechte zur Bitte erhoben 
und blickt verzückt aufwärts, wo Christus von Engeln umgeben schwebt, 
ihren Mantel breiten zwei Engel aus, unter demselben befinden sich die 
Schutzbefohlenen, im Vordergrunde rechts kniet der Stifter, vor ihm sowie 
auf der linken Seite eine Gruppe von Müttern mit ihren Kindern. Die 
Komposition lässt im Allgemeinen Bartolommeds frühere Prinzipien noch 
deutlich genug erkennen, aber im Einzelnen bewegt er sich bedeutend 
freier, so namentlich in den beiden Vordergrundsgruppen, wo er sich von 
der strengen Regelmässigkeit fast ganz emanzipirt. Für die Entwicklung 
Fra Bartolommeds ist diese Thatsache von Interesse; eine grössere 
historische Bedeutung aber besitzt sie nicht, denn inzwischen waren andere 
Meister hierin viel weiter gegangen; begann ja doch in demselben Jahre 
Raphael seine Kartons für die Teppiche der sixtinischen Kapelle, die, 
namentliche auch in der Geschichte der Komposition eine hervorragende 
Rolle spielend, die bedeutsamsten Fortschritte zeigen. Aber nicht nur in 
der Komposition, sondern in der gesammten Auffassung und in allen 
Bewegungen erkennt man bei Bartolommeo jetzt das Streben nach 
gesteigertem Leben; dass die klare Ruhe, die schlichte Grösse, die seinen 
früheren Werken eigen, dadurch beeinträchtigt werden mussten, ist natürlich, 
dass er bei dem Widersprüche, in dem diese Auffassung zu den Gegen- 
standen, ja auch zu seinem Naturell stand, leicht etwas übertreibt, ein 
wenig äusserlich pathetisch wird, ist natürlich, so bei der Madonna 
della misericordia in der erregten Stellung der Maria, in der fast 
stürmischen Bewegung Christi oder der Engel, besonders desjenigen 
Zeichnungen 
Studie dazu unter den 
Ufflzien.
        

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