Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422709
Zwei Mönche von 
Marco. 
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Festhalten an der Gleichwerthigkeit der Gruppen, durch ein ängstliches 
Streben, diese durch die verschiedene Bewegung der Einzelnen vergessen 
zu lassen, oft etwas ReHektirtes, allzu Regelrechtes ihm eigen, kann man 
gerade bei einigen der besten Kompositionen des Künstlers gewiss auch 
nicht leugnen. Wie schwer wurde es aber selbst Raphael, hier die volle 
Freiheit zu erreichen, die Komposition der Disputa hängt mit Bartolommeds 
Weise noch auf das Innigste zusammen, erst mit der Schule von Athen, 
noch mehr mit dem Parnass, befreit er sich ganz von ihr. 
In dem für ihn von schwerer Bedrängniss erfüllten Jahre I498, in 
welchem Savonarola verbrannt wurde, begann F ra Bartolommeo das Fresko 
des jüngsten Gerichtes, das er im folgenden Jahre vollendete, für den 
Kreuzgang von S. Maria nuova in Florenz; heute findet fsich das Bild 
stark beschädigt, im unteren Theile fast ganz zerstört, in dem Museum, 
das zu dieser Kirche gehört. Das jüngste Gericht ist die einzige Arbeit 
Fra Bartolommeds, die vor seinem Eintritt ins Kloster erhalten ist; aber 
es besitzt durchaus nicht den Charakter eines Iugendwerkes, es kenn- 
zeichnet schon auf das Bestimmteste seine Mittelstellung zwischen Früh- 
und Hochrenaissance, den bedeutsamen Schritt, den gerade er jener ent- 
gegen gethan. 
In der oberen Hälfte des Bildes sehen wir Christus 1), aber nicht mehr 
in der steifen Mandorla, sondern vom Lichtglanze umflossen, kleine Engel 
mit den Marterwerkzeugen umgeben denselben, etwas tiefer sitzen auf der 
rechten Seite Christi sechs Apostel und Maria, auf der linken sechs 
Apostel; was Fiesole anstrebte, ist hier erreicht, nämlich dass diese 
Gruppe wirksam in die Tiefe des Bildes geht; um ihr das allzu Schema- 
tische zu nehmen, werden Maria und Paulus als Eckfiguren etwas vor- 
gerückt und zeigen sich fast von vorne, während wir sonst die Apostel, 
abgesehen von der Drehung einzelner Köpfe, im Profil sehen. Zwischen 
dem Himmel und der Erde, auf welch letzterer Michael die Seligen und 
die Verdammten scheidet, schwebt unter Christi Füssen ein Engel mit dem 
Kreuz und der Lanze, neben ihm zwei mit den Posaunen des Gerichtes. 
Der untere Theil des Bildes, den Albertinelli vollendete, der schon seit 
1490 in Gemeinschaft mit Bartolommeo arbeitete, steht in seiner ruhigen 
Auffassung, die jedenfalls wie die Anlage des Ganzen Eigenthum des 
Bartolommeo ist, einzig da unter den Darstellungen des jüngsten Gerichtes. 
Die Teufel, die sonst die Verdammten so schrecklich quälen, sind hier 
fast ganz weggelassen, ebenso die Engel bei den Gerechten. Nur durch 
den tiefen Schmerz, durch die Seelenqual und Verzweiflung, nicht durch 
ausserliche Marter will Fra Bartolommeo die Verdammten, durch ein 
glückliches, aber weihevoll ernstes Dasein will er die Seligen charakteri- 
unter 
1) Studie hierzu 
der Ufüzien. 
Zeichnungen
        

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