Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422669
Mönche von 
Zwei 
Marco. 
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zuschliefsen, den ein auf das Anmuthigste bewegter Engel führt, der die 
Linke graziös in die Hüfte legt. Aber auch das Detail ist mit grosser 
Sorgfalt behandelt, liebevoll der Natur abgelauscht, die Fiesole viel ein- 
gehender beobachtet als man gewöhnlich glaubt, wie reizend sind die 
Hände bewegt, wie leicht greifen sie ineinander, wie hat der Künstler auch 
hier jede Bewegung beobachtet, durchdacht, vor Allem aber empfunden 
Dass der versöhnende Theil des jüngsten Gerichtes bei Fiesole an 
künstlerischer Bedeutung überwiegt, ist selbstverständlich, in scharfem 
Gegensatz zu dem F resko in Pisa zeigt dies schon die Gestalt Christi, der 
sich dort zürnend gegen die Verdammten wendet und mit der Linken sein 
NVundenmal entblösst, bei F iesole dagegen durch die erhobene Rechte die 
Seligen einläd, zu ihm zu kommen, während die Linke, welche die Ver- 
dammten abweist, nur schlaff herabhängt. Die Engel, die Christi Glorie 
umschweben, sind voll kindlicher Heiterkeit; ernst in stiller Andacht, teil- 
weise die Hände zum Gebete faltend, sitzen die Apostel und Propheten 
da, sowie Franziskus und Dominikus, Johannes und Maria, die durch 
demüthiges Gebet ihre Fürbitte einlegen. Kindliche Frömmigkeit und das 
unbewusste heitere Glück des Kindes bilden den Grundzug der Seligen und 
dem Kindlichen entspricht, wie schon oben angedeutet, das Formgefühl, 
das nicht nach scharfer Durchbildung, nicht nach bestimmter Charakteristik 
strebt und ebenso das zarte duftige Kolorit; vor Allem aber wirkt das 
Ganze so anziehend durch die dem Künstler in Form und Bewegung in 
so hohem Grade eigene Anmuth: wie sehr zeigt sie z. B. der kleine 
Mönch, der den Reigen mittanzt und den man nur von rückwärts sieht, 
man begreift gar nicht, wie diese einfachen Striche so reizend wirken 
können; ein guter Theil dieser Wirkung ruht aber gerade in der Einfachheit, 
die hier, wo sie völlig naiv, entzückend wirkt, die aber einer späteren, 
reiferen Kunst unmöglich, was hier wahre Naivität, würde dort atfektirte 
Nachahmung.  
Aus der letzten Periode Fiesole's, der Zeit seiner Thätigkeit in Rom, 
haben sich zwei Hauptwerke erhalten, die Fresken an der Decke der 
capella nuova am Dom zu Ovieto (um 1447) und der stattliche Fresken- 
cyklus aus dem Leben der Heiligen Stephanus und Laurentius, den er im 
Auftrage Nikolaus V. im Vatikan malte. Dass die Fresken im Vatikan 
de-r beste Beweis sind, dass sich Fiesole durchaus nicht gegen die Fort- 
schritte der zeitgenössischen Kunst abschloss, ist in neuerer Zeit wieder- 
holt mit Recht betont worden. Die Umgebung wird hier in ein richtiges 
Verhältniss zu den Figuren gesetzt, nicht mehr als blosse Coulisse be- 
handelt; die feine Naturbeobachtung Fiesole's tritt freier zu Tage, so 
besonders in den reizvollen Bildern der Almosenspende durch Stephanus 
und Laurentius, zumal bei letzterem in den bescheiden um eine Gabe 
bittenden Krüppeln, in der verschämt sich nähernden Mutter mit ihrem
        

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