Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422615
Zwei 
Mönche von 
Marco. 
Besonders deutlich sehen wir dies bei einem Blick auf die Passionsscenen, 
wie diese Fiesole z. B. in der Folge von 35 Bildern aus dem Leben 
Christi erfasste, welche er wohl noch in Fiesole malte als Schmuck des 
Schreines für die Silbergefässe in der S. Anunziata, die sich jetzt in der 
Akademie befinden. Mehr als andere Arbeiten Fiesole's sind sie noch in 
der Tradition Giottos befangen, aber doch spricht sich hier seine Per- 
sönlichkeit besonders in dem leidenden Christus sehr klar aus. Als Judas 
sich zum Verrätherkusse an den Herrn schmiegt. durchzuckt stiller Schmerz 
dessen Antlitz; ruhig, Gott ergeben ist seine Haltung bei der Gefangen- 
nahme, mit hoheitsvoller Würde tritt er vor Pilatus, und unvergleichlicher 
Adel liegt in Haltung und Ausdruck Christi, wie er vor dem Volke 
entkleidet wird. Am bedeutendsten aber spricht diese Auffassung aus 
der grossen Kreuzabnahme, die Fiesole für S. Trinitä in Florenz malte 
und die jetzt gleichfalls in der Akademie. Christus ist hier das Bild des 
sanften, versöhnenden Todes, er ist in Frieden entschlummert; leise 
nehmen die Freunde den Leichnam vom Kreuze, fast als fürchteten sie 
einen Schlummernden zu wecken; von Wehmuth und stiller Trauer sind 
die Anwesenden ergriffen. Gerade bei dieser Scene, die Anderenden 
Anlass zur Darstellung des leidenschaftlichen Schmerzes bot, ist diese 
Auffassung so bezeichnend für Fiesole's kindliches Gemüth, dem heftige 
Leidenschaft fremd war, der nur tiefe Betrübniss, stillen Schmerz und 
Thränen kennt. Die heftigen Kämpfe scheinen ihm erspart geblieben zu 
sein, er lebte mit sich und seinem Gott in Frieden; gerade dadurch aber 
übt er einen so grossen Reiz auf ringende, leidenschaftliche Naturen, er 
erinnert sie an das unbewusste Glück und den Frieden der Kindheit, die 
sie verloren, um sie nie wieder zu gewinnen; es erklärt sich dadurch, dass 
auch einen Mann wie Savonarola F iesole's Kunst besonders anzog. 
Am meisten kommen Fiesoles Wesen natürlich die Scenen aus dem 
Marienleben entgegen, und die Darstellungen derselben in den Zellen von 
S. Marco gehören zu seinen poesievollsten Werken. So vor Allem die 
Verkündigung, die er oft behandelt und für die ich neben dem berühmten 
grösseren Bilde auf dem Gange besonders auf das der dritten Zelle hin- 
weisen möchte, wo Maria, die Hände über der Brust faltend, demuthsvoll 
vor dem Engel kniet; dann die schöne Krönung Mariä (Zelle 9), von 
hohem Adel der Formen, zumal in den auch durch die schönen, einfachen 
Motive, den freien, natürlichen Fluss ihres Gewandes bewundernswerthen 
Hauptfiguren Christi und der Maria, die sich vor ihm neigt und der er 
die Krone auf das Haupt setzt. Zu den anziehendsten Bildern gehören 
hier ferner die Marien am Grabe des Auferstandenen in Zelle 8 und die 
Anbetung der Könige in Zelle 39, die sich Cosimo einrichten liess und 
in der er mit Antonin und Fiesole verkehrt haben soll. Das Abendmahl 
(Zelle 35) malte der Künstler nicht als Mahlzeit, sondern als feierliche,
        

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