Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsche und italienische Kunstcharaktere
Person:
Riehl, Berthold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1421254
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1422488
Verona. 
wirkung, und legt deshalb weniger Werth auf sorgfältige Durchbildung 
des Einzelnen. 
Die Reliefs, die Scenen aus dem Leben Christi darstellen, zeigen 
durchweg eine frische, naturalistische Auffassung; nur in dramatischen 
Scenen ist der Künstler steif und befangen, es fehlt ihm die Energie der 
Handlung. Auch die Composition ist hier oft sehr ungeschickt, wie bei 
der Geisselung und der Kreuzabnahme, besonders auch bei der Bestattung 
Christi; erfreulich ist aber doch auch hier, wie der Künstler durchweg 
selbständig erzählt, neu erfindet. Mehr kommen seine Vorzüge zur 
Geltung bei Scenen wie die Gefangennahme Christi, wo zwar auch die 
Aktion recht schwach, dagegen höchst anziehend die milde, edle Haltung 
Christi, und interessant ist hier auch die zahlreiche Kriegerschaar, mit den 
verschiedenartigsten, zum Theil sehr phantastischen Rüstungen ausgestattet 
und mit den mannigfaltigsten Waffen, sowie mit Laternen, brennenden 
Pechkörben u. s. w. 
Die schlichte Wiedergabe der Natur, durch die auch das fast lebens- 
grosse, trcffliche Portrait des betenden Stifters so sehr anzieht, ist ent- 
schieden der Hauptvorzug des Künstlers, der sich am ansprechendsten 
entfaltet, wo ein mildes, stimmungsvolles Wesen den Grundton bildet, 
wie bei Christus am Oelberg, der zu den schlafenden Jüngern tritt, noch 
mehr aber bei Scenen, in denen er gemüthlich in epischer Breite erzählt, 
bei denen sich auch sein Gefühl für anmuthige Formen aussprechen kann, 
so bei der Anbetung der Könige, deren stattliches Gefolge wir in langem 
Zuge durch die Gebirgslandschaft heranziehen sehen, oder in der Geburt 
Christi, wo die Engel sehr anmuthig sind, die lobsingend die arme Hütte 
umschweben. Durch die reiche Landschaft, die manchmal mit Thieren 
belebt und durch die ausführliche Erzählung zieht den Nordländer diese 
Kunst an, als der heimischen des I 5. Jahrhunderts verwandt, noch mehr aber 
weist sie auf die spätere venezianische Kunst hin, auf Meister wie Gentile 
Bellini und Carpaccio. 
Aehnlich wie bei Verona's Kunst der romanischen Periode ist bei 
seiner Plastik im 14. und im Beginn des I5. Jahrhunderts die historische 
Bedeutung keineswegs mit der Thätigkeit innerhalb der Stadt erschöpft, 
sondern zeigt sich erst durch die Einflüsse, die sie auf einen weiten Um- 
kreis übte. Zunächst scheint sie wesentlich auf die Entwicklung der 
Plastik Venedigs eingewirkt zu haben, die noch lange an dem gothischen 
Stil festhält, dann aber namentlich auch auf die Brennerstrasse und deren 
nördliches Mündungsgebiet. Zwar ist es heute noch schwer, diese Einflüsse 
im Einzelnen nachzuweisen, auch zeigt sich in der gothischen Plastik eine 
grosse Selbständigkeit deutscher Kunst in den betreffenden Gegenden und 
ein weiteres Vordringen derselben nach dem Süden als in Architektur und 
Malerei, was vor Allem wohl darin gründet, dass die besten Werke der
        

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