Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398911
beginnen lässt, um die Vorstellung zu erwecken, dass seine 
Figur schwebt, stürzt oder im Sprung begriffen ist, kurz den 
Boden nicht berührt. Das bekannteste Beispiel hiefür dürften die 
Engel im Heliodor RaphaeYs sein. 1) Hiebei wissen wir gewöhn- 
lich gar nicht, dass diese unsere Vorstellung auf dem Schatten 
beruht, oder auch nur mit ihm in Beziehung steht. 
Aber nicht blos unbewusst gehen derlei Analogieschlüsse 
in uns vor sich, sie sind auch zwingend in Bezug auf die An- 
schauungen, die sie uns aufdrängen 2). Man erkennt, 0b ein 
Relief positiv oder negativ ist, dadurch, dass man unbewusst 
die Lage der Lichtquelle, welche die Schatten auf demselben 
entwirft, mit in Rechnung zieht. Wir haben eben durch tausend- 
fältige Erfahrung gelernt, dass die Schatten auf der der Licht- 
quelle abgekehrten Seite liegen. Betrachtet man aber z. B. 
durch eine Convexlinse das umgekehrte Bild dieses Reliefs, 
dann liegen die Schatten auf Seite der Lichtquelle, wie wir das 
immer bei negativen Reliefs gesehen haben. Es erscheint uns 
jetzt das Relief negativ, und wenn wir noch so sehr überzeugt 
sind, dass es positiv ist, die Anschauung behauptet mit zwin- 
gender Gewalt das Entgegengesetzteß) 
Also derartige, auf den Erinnerungsbildern beruhende 
Analogieschlüsse wirken in intensivster Art und uns selbst 
unbewusst auf die Deutung der Gesichtseindrücke, die wir 
haben. Mehrere im selben Sinne wirkende Analogieschlüsse 
unterstützen sich gegenseitig. 
Das ist die psychologische Palette, mit der jeder Künstler 
malt: es sind stets Erinnerungsbilder, sei es dass er Alt- 
bekanntes, sei es dass er nie Gesehenes oder gänzlich Unmög- 
liches darstellt. Schickt er sich an, eine schwebende Figur zu 
bilden, so ruft er mit Hilfe ihrer Stellung unsere Erinnerung 
1) Vatican zu Rom. 
2) Vergl. Ueber die Inductionsschlüsse Stuart Mill: "Logik", 
3) Der Versuch gelingt am leichtesten mit einem kleinen getriebenen 
oder gepressten Relief, das kein deutliches Oben und Unten hat, sondern 
Rankenwerk oder dergleichen vorstellt, und das man neben dem Fenster 
auf den Tisch legt. Ueber ihm stellt man eine Convexlinse auf. Bringt man 
dann sein Auge in passende Entfernung über die Linse, so sieht man das 
verkehrte Bild und das Relief erscheint negativ.
        

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