Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398877
Der Idee nach gehört er jedenfalls dieser Gruppe an. Ich linde 
aber, dass die auferstehenden Christusgestalten selbst der besten 
Künstler in Bezug auf die Darstellung dieser ihrer Bewegung 
Vieles zu wünschen übrig lassen. Würde man in einem solchen 
Bilde alle ausserhalb der Figur selbst liegenden Kunstgriffe, aus 
welchen die Richtung der Bewegung zu ersehen ist, beseitigen, 
z.B. die Gestalt des Gottvaters, der den Sohn in die Arme zu 
schliessen sich anschickt, oder würde man die Christusfigur aus 
dem Bilde herausschneiden und allein betrachten, sie wäre eine 
schwebende, aber kaum jemals eine nach aufwärts schwebende 
Gestalt, wenigstens nicht für diejenigen, welchen die typisch 
gewordene auferstehende Christusgestalt noch unbekannt ist?) 
Suchen wir also ein anderes Beispiel. Wir müssen uns an 
die ersten Meister wenden, denn die Darstellung dieser magischen 
Gewalt ist nicht Jedem gelungen. 
Abermals ist es ein Herrgott Michelangelds aus der Six- 
tinischen Capelle, der uns zur Erläuterung dieser Bewegungs- 
form am besten dienen kann, eine Herrgottsgestalt, wie sie 
grossartiger wohl niemals, jedenfalls von keinem Anderen als 
von Michelangelo selbst 2) geschaffen worden ist. 
Der Allvater schwingt sich (Fig. 4.) mit majestätischer 
Wucht durch den Weltraum. Tief unter ihm liegt, durch 
einige Bäume angedeutet, die Erde. Das ist kein Schweben, 
das ist kein Getragenwerden vom Hauch der Lüfte: im Gegen- 
theil, die Jagd geht so rasch dahin, dass die Gewänder flattern, 
dass die Haare verweht werden, als bliese ein Sturmwind ent- 
gegen. Hier ist eine Kraft, welche den äusseren Widerstand der 
Luft überwältigt, eine Kraft, die von Innen zu kommen scheint. 
Abermals drängt sich hier die Frage auf: Findet denn der 
Künstler auch für diese fast übersinnliche Bewegung im Be- 
1) Dasselbe gilt von vielen Himmelfahrten Mariae. Unter ihnen ist jene 
von Rube ns durch die Anschaulichkeit der Bewegung besonders ausgezeichnet. 
Doch sind es auch hier zum Theil recht kühne KunstgriEe, welche ausser- 
halb der Figur selbst liegend den Eifect hervorrufen. Unter Anderem, dass 
die Gestalt Mariens einen hellen Schimmer nach sich zieht. 
2) Es ist wohl denkbar, dass der erste Gottvater der Sixtinischen Capelle, 
der Licht von Finsterniss trennt, an überwältigender Macht den genannten 
noch übertreffen würde, wäre er uns in ursprünglicher Gestalt erhalten.
        

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