Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398859
Nicht nur den Engeln, auch dem Leichnam ist seine normale 
Schwere genommen: ohne irgend sichtbare Anstrengung halten 
ihn erstere auf ihren graziös gebeugten Armen. Die Stellung 
aller vier Gestalten ist genau so, als befänden sie sich sämmt- 
lich im Wasser. Dasselbe tritt in der deutlichsten Weise an 
der schwebenden Gestalt hervor, welche Tintoretto in seinem 
Bilde Bacchus und Ariadnel) geliefert hat. 
Ich habe oben jenes Meisterstückes einer schwebenden 
Gruppe gedacht, die uns Michelangelo in seiner Erschaffung 
Adams hinterlassen hat. Würde man es sich zur Aufgabe 
machen, dieselbe als lebendes Bild zu stellen, so könnte man 
dies, nur müsste man die ganze Gruppe in Wasser einsenken. 
Die Gestalten und insbesondere die des Gottvaters erscheinen 
geradezu, als wären sie an der Hand schwimmender Modelle ent- 
standen. Aehnliches gilt von Raphaels Bildern aus der Schöpf- 
ungsgeschichte?) Sowohl der Herrgott, der Himmel und Erde, 
als auch der, welcher Sonne und Mond schafft, sind als 
schwimmend aufgefasst. Als Beispiel aus einer früheren Kunst- 
periode erwähne ich die Engel Giotto's 3), die inider Luft schwe- 
bend an den Klagen derWeiber beim Leichnam Christi theilnehmen. 
Nicht weniger auffallend tritt die Analogie des Schwebens 
mit dem Schwimmen an jenen Deckengemälden der Roccoco- 
Zeit hervor, die uns in der bekannten Weise durch einen archi- 
tektonischen Aufbau den Himmel sehen lassen. Der Raum 
zwischen dem irdischen Beschauer und dem Himmel ist dann 
mit sich wild durcheinander tummelnden Luftgestalten bevölkert. 
Gerade ein solches Deckengemälde, das der Kirche St. lgnatio 
zu Rom, (von Pozzi gemalt) war es, bei dem mir diese Ana- 
logie zuerst auffiel, bei dem mir der Gedanke kam: das gleicht 
einer Schwimmschule von unten gesehen. Wer öfter unter 
Wasser geschwommen und sich die über ihm schwimmenden 
Personen von diesem ungewohnten Standpunkte aus betrachtet 
hat, wird diesen Eindruck gewiss bestätigen. 
Wollte man mit der consequenten Verfolgung einer Idee 
seinen Scherz treiben, so könnte man sagen: gewöhnlich sieht 
Zu Venedig. 
Loggien des Vaticans. 
In Padua.
        

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