Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398841
möglich ist, müssen die Extremitäten sich frei nach allen Rich- 
tungen bewegen können, dürfen also nicht dem Körper angelegt 
sein. Alle diese Umstände kommen aber nicht in Betracht, 
sobald die schwerlosen Gestalten in der Luft sind, auch der 
letzte nicht, sie müssten denn eben als in der Luft schwimmend 
gedacht werden. 
Wenn jeder rasch von oben herunterkommende Engel oder, 
um ein bekanntes Beispiel anzuführen, Tintoretto's St. Marcus 
in der Akademie zu Venedig, der vom Himmel kommend des 
Sklaven Fessel sprengt, mit dem Kopfe tiefer als mit den 
Beinen dargestellt ist, so taucht er eben vom Himmel gerade 
so zur Erde nieder, wie wir durch unsern anatomischen Bau 
und die mechanischen Verhältnisse gezwungen, nach dem Grunde 
des Wassers tauchen, wie er es aber niemals nöthig hätte, 
wenn er eine schwerlose Gestalt der Lüfte Wäre. Oder wer 
glaubte es dem Teufel Signorellfs im Dom von Orvieto, dass 
er mit seinen schwachen Flügeln nicht nur die Last des eigenen 
Körpers, sondern auch noch die des Weibes, das er auf den 
Rücken geladen hat, durch die, Lüfte trägt? Er ist vielmehr 
schwerlos, als wäre er im Wasser, ja er hat die typische Stellung 
eines schwimmenden, und trägt genau so, wie ein Mann im 
Wasser tragen würde. 
Jenes in den Sculpturen so oft vorkommende Engelspaar, 
welches schwebend ein Medaillon trägt (auf Grabmälern) oder 
wie im oben angeführten Beispiele die Krone Mariens, oder 
welches die Vorhänge des Baldachins, unter dem die Madonna 
sitzt, zurückschlägt 1) u. s. w., soll es als fliegend mit normalem 
Körpergewicht gedacht sein? Ein solcher Engel müsste dann wie 
ein Rüttelfalke sich durch rasch aufeinanderfolgende Flügelschläge 
am selben Fleck erhalten. So sind die Engel nicht gebildet. 
Sie erscheinen vielmehr wie Schwimmer, die einen in's Wasser 
eingesenkten Gegenstand ohne nennenswerthe Kraftanstrengung 
in seiner Lage erhalten. Ueberaus wirkungsvoll und in diesem 
Punkte überaus lehrreich ist das Bild Luino's aus der Brera 
zu Mailand. Drei Engel 
Katharina durch die Luft, 
tragen den 
um ihn in 
Leichnam 
sein Grab 
der heiligen 
einzusenken. 
Vergl. 
die 
VOR 
Madonnenbilder 
Fra 
Bärtolomeo.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.