Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398798
nämlich glauben, dass das Schweben einer Gestalt nicht dadurch 
plausibler wird, dass man sie durch eine zweite schwebende 
Gestalt unterstützen lässt. Das wäre ein Seitenstück zu Münch- 
hausen, der sich an seinem Zopfe aus dem Sumpf zieht. Und 
doch ist das Motiv von unleugbarer Wirkung. Ich glaube, die 
Frage, wie dieses möglich ist, muss folgendermassen beant- 
wortet werdeni Der Vergleich mit Münchhausen trifft zu; bei 
diesem kennen wir die aufwärts ziehende Kraft des Armes und 
müssen in der That erst einen Augenblick überlegen, warum 
der Körper durch diese Kraft nicht wirklich gehoben -wird. 
Aehnlich ist es bei diesen schwebenden Gruppen. Wir sehen 
die Kraftanstrengungen, welche die tragenden Gestalten machen 
und welche sämmtlich nach oben gerichtet sind. S0 versetzen 
wir in die Gruppe nach aufwärts wirkende Kräfte, welche also 
der Schwere entgegen gerichtet sind. Es erfordert nun, gerade 
wie bei Münchhausen, erst eine gewisse Ueberlegung, ob die 
aufwärts wirkenden Kräfte den abwärts wirkenden nicht doch 
das Gleichgewicht halten können, ja, es erfordert sogar Kennt- 
nisse, um darüber klar zu werden, dass die ganze Gruppe mit 
derselben Geschwindigkeit fallen muss, ob in derselben einzelne 
Figuren nach aufwärts drücken oder nicht. Dem Künstler aber 
ist es gelungen, durch die Complication der dargestellten Kraft- 
wirkungen uns über die nothwendigen Folgen der Schwere 
hinwegzutäuschen. 
Ich bin weit davon entfernt, zu behaupten, dass die ge- 
lungenen Darstellungen des Schwebens in derartigen Gruppen 
ausschliesslich auf dem erwähnten Umstande beruhen. Im 
Gegentheile, würde man im genannten Fresco Michelangelds 
alle Figuren wegnehmen, es würde der Gottvater allein immer 
noch schweben, wie sogleich genauer auszuführen sein wird. 
Andererseits aber scheint mir kein Zweifel darüber obwalten 
zu können, dass die genannten Umstände wesentlich dazu bei- 
tragen, unseren sinnlichen Augen die Darstellung näher zu 
rücken, natürlicher erscheinen zu lassen. 
Die Gestalten der zweiten Gruppe sind in der That voll- 
kommen frei im Raume dargestellt. Versuchen wir auch hier 
die psychologischen Grundlagen zu finden, auf welche sich der 
Künstler bewusst oder unbewusst stützte, indem er sie schuf.
        

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