Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398770
mir das Erinnerungsbild der Wolken, wie sie sind, vollkommen 
frisch im Gedächtnisse ist, hat doch die genannte künstlerische 
Verwerthung für mich nichts Befremdendes. Es beruht dieses 
wieder darauf, dass bei künstlerischen Urtheilen nicht die 
Kenntnisse, sondern die kindlichen und unmittelbaren Vorstel- 
lungen von den Dingen den Ausschlag geben. Nach den letzteren 
sind die Wolken in der That verhältnissmäissig compact und 
körperlich, Wie schon die Ausdrücke "Haufenwolken", "Schäf- 
chen", "Wolkenmauer" etc. zeigen. 
Hieher gehört es auch, wenn der Künstler seiner Figur 
eine Stütze in einem anderen lebenden Wesen gibt, sei es ein 
Thier oder eine menschliche Gestalt. Dabei können die letzteren 
auch schwebend gedacht sein. Ich erinnere an manche pompe- 
janische Gemälde. Eine Nymphe umfasst den Hals eines See- 
ungeheuers oder stützt sich leicht auf einen Delphin und hält 
sich so neben dem Thiere in der Schwebe, indem sie sich 
augenscheinlich nachziehen lässt. Das Thier kann im Wasser 
sein, kommt aber auch als frei in der Luft schwebend vorl), 
Aehnliches Hndet sich in antiken Terracotta-Reliefs 2). 
Auch in der späteren Zeit wird dieser Kunstgriff oftmals 
verwendet, unter Anderem von Raphael bei Seinem Gottvater 
im Vatican (Vision des Ezechiel), der sich auf die drei Thiere 
der Apostel und zwei Engel stützt  dass erstere auf Wolken 
ruhen und hiebei ihre Flügel ausbreiten, ist für den Gesammt- 
effect von untergeordneter Bedeutung  und in vollendetster 
Weise bei Michelangelo in dessen Erschaffung des Adam 3G). 
Hier schwebt der belebende Gott von mehreren engelartigeru 
Gestalten mit sichtlicher Anstrengung getragen und umwallt 
von einem mächtigen Mantel dem ersten Menschen entgegen. 
Die tragenden Figuren sind Hügellos. Ein Theil dieser Gruppe 
ist in Fig. 3 skizzirt. 
Das in Rede stehende Motiv beruht auf einem anderen 
psychischen Momente als die früher besprochenen. Man sollte 
1) Selbstverständlich ist auch im letzteren Falle das Motiv den Spielen 
der Nymphen und Thiere im Wasser entnommen. 
2) "Monumenti inediti publicati dall' instituto di correspondenza." 1879. 
Vol. XI. Taf. Xa. 
3) Sixtinische Capelle des Vaticans.
        

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