Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398766
es geradezu, um das Wachrufen eines Gedächtnissbildes handelt, 
z. B. das von dem Widerstand, den ein gespanntes Segel der 
aufdrückenden Hand entgegensetzt; denn bei den dargestellten 
Verhältnissen könnte ein wirkliches Tragen nie stattfinden. 
In etwas modificirter Form finden wir dasselbe natura- 
listische Motiv in einer Auferstehung von V. Giorgione 1) wieder. 
Aus dem geöffneten Grabe weht ein Wind empor, der eine 
schleierartig ausgebreitete Wolke hebt. Auf derselben steht 
Christus. Beiderseits von ihm ist die Wolke vom Winde stärker 
gehoben, ähnlich wie 
sich heben würde. 
ein 
der 
Mitte 
beschwerter 
Schleier 
Hieher gehört die unermessliche Zahl von Gestalten, 
die sich auf Wolken herumtreiben. Sie stehen, knien, lagern 
auf ihnen, ja sie klammern sich an ihnen an, um nicht her- 
unterzufallen 2), schieben sogar die Wolken vor sich her 3), kurz, 
tummeln sich auf und in ihnen, als wären die Wolken Kissen. 
Viele dieser Figuren können gar nicht als schwebende betrachtet 
werden, der Maler hat ihnen eben statt des Erdbodens Wolken 
als Unterlage gegeben, indem" er diese als fest annahm (Fra 
Angelicds Heilige im Dom von Orvieto oder RaphaeFs Personi- 
ficationen der vier Wissenschaften in den Stanzen und unzählige 
mehr), bei anderen aber liegt die Sache anders. Es sind Figuren, 
die in der That zu schweben scheinen, und bei denen der 
Maler die Wolken nur hinzugefügt hat, um die Vorstellungen 
des Beschauers in derselben Weise zu beeinflussen, wie wir 
das in den obigen Beispielen gesehen haben. 
In beiden Fällen appellirt er an unser Erinnerungsbild 
von den Wolken, und zwar, es hat das besonderes Interesse, 
an ein kindlich naives Erinnerungsbild, nicht an jenes correctere, 
das Jeder mit sich nach Hause gebracht hat, der einmal eine 
Gebirgstour unternommen und in Nebel gerathen ist. Die 
Wolken, wie sie wirklich sind und durch die man doch min- 
destens noch auf einige Schritte hindurchsehen kann, sind nicht 
geeignet, sich darauf zu legen. Trotzdem ich dies weiss und 
1) BelvederezuWien.ObdasBildwirklichvonGiorgioneist,wirdbezweifelt. 
2) Raphael Mengs: "Wiener Belvedere." Vergl. insbesondere die Bilder 
Correggids. 
3) Tizian's Assunta in Venedig.
        

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