Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398713
lich nicht absolut zu bestimmen. Er darf nichts bilden, dessen 
Unmöglichkeit in die Augen springt. Jenseits dieser Grenze 
war meines Erachtens ein Landschaftsbild, das, es mögen zwei 
Jahre her sein, im Wiener Kunstverein ausgestellt war. In einer 
Gebirgsschlucht tobt ein Gewittersturm. Ein Blitz schlägt in eine 
hohe Fichte. Derselbe ist auf dem Bilde als Blitzstrahl gemalt, 
wie er von rechts oben kommend, etwa zwischen dem unteren 
und mittleren Drittel den Baumstamm trifft. Derselbe brennt 
an der getroffenen Stelle und ist ebenda abgeknickt, so dass 
sein Wipfel auf dem Boden liegt. Eine solche Darstellung ist, 
wenigstens für mich, schon uncorrect, denn die Erinnerung an 
die kurze Dauer des Blitzstrahles, sowie der Langsamkeit, mit 
welcher ein Gegenstand, wie eine solche Fichte ist, sich neigt 
und stürzt, ist so fest in meinem Gedächtnisse eingewurzelt 
und mit anderen Erinnerungsbildern verflochten, dass mir auf 
den ersten Blick die Widersinnigkeit aufiiel, die darin liegt, dass 
man den Blitz noch sieht und der Baum schon auf dem Boden 
liegt. Von der Richtung des Blitzes, der Stelle, an welcher er 
den Stamm trifft, von seinem schnellen Zünden will ich schweigen. 
Nachdem wir uns die Rolle, welche die Erinnerungsbilder 
bei Beurtheilung von Kunstwerken spielen 1), in's Gedächtniss 
zurückgerufen haben, kehren wir zu unserem Thema zurück 
und versuchen, nicht auf Grund theoretischer Ableitung, sondern 
an der Hand der vorliegenden Kunstwerke zu einem Verständ- 
niss unserer Gestalten zu gelangen. 
Zunächst ist hervorzuheben, dass ein Fliegen menschlicher 
Gestalten im mechanischen Sinne des Wortes niemals künst- 
lerisch dargestellt wurdez). Mir wenigstens ist keine Figur 
bekannt, der man ansehen würde, dass sie sich, obwohl sie das 
normale Gewicht hat, durch ihre Muskelarbeit in der 
Luft bewegt, so wie man einer tragenden, einer laufenden, 
einer ziehenden Figur rhre Arbeit ansieht. Was künstlerisch 
dargestellt wurde, sind immer nur Gestalten, die von ihrem 
normalen menschlichen Gewichte befreit sind, dabei 
1) Vergl. Fechner: "Vorschule der Aesthetik". I, pag. 86. 
2) Es gibt Figuren, wie z. B. einige im "Triumph des Todes" zu 
Pisa, weiche den Namen menschlicher Gestalten nicht mehr verdienen. Sie 
sind wie Vögel gebildet und machen auch den Eindruck ("liegender Vögel.
        

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