Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398707
Wenn unser Gedächtnissschatz mit dem künstlerischen 
Geschmacke so innig verbunden ist, so kann es nicht wundern, 
dass letzterer im Laufe der Geschichte wesentliche Aenderungen 
durchmachte. Es ist wohl als sicher anzunehmen, dass der 
gebildetste alte Grieche für die künstlerischen Schönheiten, die 
wir an einem modernen Genrebild, z. B. Defreggefs "Ball auf 
der Alm" oder an einer Führich'schen Illustration einer Heiligen- 
Legende bewundern, gänzlich blind wäre. Dies auch dann noch, 
wenn man ihm das Bild mit allem Zubehör auf das genaueste 
erklärte. Es fehlt eben der Gedächtnissschatz, nicht nur von 
Thatsachen, sondern, Was viel mehr in's Gewicht fällt, von 
Stimmungen. Es kann kaum ein Zweifel darüber obwalten, 
dass uns viele der genreartigen Darstellungen der Alten, die 
als Wandgemälde oder als Terracotten erhalten blieben, nur 
zum Theil verständlich sind; die Grazie der Bewegung, das 
Zierliche der Zusammenstellung, kurz das allgemein Mensch- 
liChe können wir freilich noch geniessen, im Uebrigen geht uns, 
wo eine Handlung dargestellt wird, sicher viel verloren. Nur 
das Ideal der menschlichen Gestalt, die sich, so weit die Ge- 
schichte reicht, merklich gleich geblieben ist, können wir heute 
noch den Alten entnehmen oder mit ihnen theilen. 
Auch in demjenigen, was der Künstler vermeiden muss, 
um mit den Erinnerungsbildern des Beschauers nicht in Wider- 
sprUCh ZU gerathen, können sich im Laufe der Zeiten Aende- 
rungeü einstellen. Wenn z. B. Künstler der Renaissance den 
Regenbogen in Perspectivischer Verkürzung malen, so ist ihnen 
gewiss daraus kein Vorwurf zu machen. Es kann aber die Frage 
aufgeworfen Werden, ob ein solcher Regenbogen unter den 
heutigen Verhältnissen, wo in jedem Gymnasium und in jeder 
Realsehüle die Theorie desselben gelehrt wird, nicht schon als 
Störung in einem Bilde wirkt. Wir haben uns so sehr daran 
gewöhnt, dass der Regenbogen deshalb als Kreisbogen erscheint, 
weil er nicht anders kann, dass es unsere Aufmerksamkeit, 
vielleicht sogar unsere Lachmuskeln erregt, wenn wir ihn in 
perSpeCtlvischer Vefkürlüng dargestellt sehen. Der Künstler 
darf und kann oft'mit grossem Glücke in der Wirklichkeit 
Unmögliches blldlieh darstellen, nur muss er sich hüten, eine 
gewisse Grenze zu überschreiten. Wo dieselbe ist, das ist frei-
        

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