Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398688
„Geistern" hegen). Der Künstler des Campo santo in Pisa lässt 
den Sterbenden die Seele in Gestalt eines neugeborenen Kindes 
aus dem Munde herausziehen 1), während bei Fra Angelico die 
Seligen als erwachsene Menschen Ringelreihe spielen, „und jene 
himmlischen Gestalten, sie fragen nicht nach Mann und Weib", 
gleichen unseren Märchenphantasien aus der naivsten Kindheit. 
Dem gegenüber ist die Art, wie man das Schweben an 
einer Figur darstellte, in allen Zeiten nahezu unverändert ge- 
blieben. Es verhält sich die Darstellung des Schwebens ähnlich 
der Darstellung der Bäume, welche wohl auch durch Conven- 
tion beeinflusst, in den wesentlichen Punkten doch im Laufe 
der Jahrhunderte dieselbe blieb. Bei letzteren erkennt man die 
UrsaChe dieser Beständigkeit unmittelbar in den stets gleich- 
artigen sinnlichen Anschauungen. Sind es auch beim Schweben 
sinnliche EindrüCke, welche der Darstellung ihre Beständigkeit 
geben? 
Dass die Antiken nicht so lebhaft bewegte Scenen sich in 
der Luft abspielen liessen, wie dies in der späteren Kunst, 
insbesondere im Barock geschah, hängt mit ihrer Liebe für die 
Ruhe und Gemessenheit im Allgemeinen zusammen. 
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Indem wir uns den Künstler als einen consequent und 
bewusst nach naturgeschichtlichen Kenntnissen vorgehenden 
Mann gedacht haben, sind wir zu keinem Verständnisse der 
uns beschäftigenden Bildwerke gekommen. Es darf uns das 
nicht Wunder nehmen, Wir sind offenbar von einer falschen 
Anschauung ausgegangen. 
Schlagen wir also einen andern Weg ein.  
Die psychische Basis, auf welcher jede künstlerische Dar- 
stellung von Objecten und Vorgängen beruht, handle es sich 
um bildende oder um andere Künste, ist das Gedächtniss. Es 
liegt dies schon im Begriffe "Darstellung". Das Wort „Ge- 
dächtniss" ist hiebei im weitesten Sinne genommen. Es be- 
zieht sich dies nicht nur auf die sogenannte hohe Kunst, 
sondern ebenso auf die Producte des Kunstgewerbes; auch nicht 
blos auf Darstellungen allein: die stete Vergleichung mit Ge- 
ommt die Seele in Form eines kleinen Kindes später noch oft- 
mals vor, unter Anderen bei Sodoma in dessen S. Domenico zu Siena.
        

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