Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398674
Betrachtungen würde nicht wesentlich anders ausgefallen sein, 
wenn wir die beiden Formen nicht scharf getrennt hätten, wenn 
wir uns die Körper nicht schwerlos, sondern nur viel leichter 
vorgestellt hätten, als der Wirklichkeit entspricht, so dass schon 
geringe Kraftanstrengungen mit den Flügeln ausreichten, den 
Körper zu heben. 
Einen andern Weg, den wir einschlagen könnten, um zum 
Verständniss der in Frage stehenden Gebilde künstlerischer 
Phantasie zu gelangen, wäre folgender: lm Leben selbst und 
ebenso in der Kunst ist so Vieles conventionell. Die Antiken 
gaben einer männlichen Figur den bekannten Donnerkeil in die 
Hand, und dadurch, sowie durch einige ähnliche Merkmale 
war sie für alle Welt zum Jupiter gestempelt; dasselbe gilt von 
den Attributen fast aller Göttergestalten 1). Wir sind über- 
eingekommen, die Engel wenigstens meistens als Kinder zu 
denken, wie zu bilden, und ist es nicht reine Convention, 
wenn der Künstler seit der ältesten Zeit bis auf die neueste 
vom Beschauer verlangt, er solle sich ein Rad, dessen 
Speichen jede einzeln vollkommen wohlgebildet und scharf 
begrenzt zu sehen ist, im schnellsten Dahinrollen vorstellen? 
Beruht nun nicht etwa die Darstellung des Schwebens auch 
auf einer derartigen Convention? Sicher ist eine solche, wie 
bei jeder Darstellung so auch hier mit im Spiele, doch kommt 
ihre Rolle erst in zweiter Reihe in Betracht. Mit dem ange- 
führten Beispiele vom Rade hat es seine besondere Bewandtniss, 
auf welche hier einzugehen nicht der Ort ist 2), im Allge- 
meinen aber sind rein conventionelle Bildungen im Laufe der 
Zeiten höchst veränderlich. Ich erinnere an die bildlichen Dar- 
Stellungen der Seele, die ja, so wie die schwebende Figur, auch 
Niemand sah. Die Antiken bildeten ihre abgeschiedenen Geister 
als luftige, schemenartige menschliche Gestalten 3), die augen- 
scheinlich etwas Grauenerregendes haben (ich glaube, sie kommen 
der Vorstellung nahe, die unsere modernen Spiritisten von den 
1) Vergl. Conze: „Götter- und Heroengestalten." Wien. 
2) Vergl. Brücke: "Die Darstellung der Bewegung durch die bilden- 
den Künste." Deutsche Rundschau 188i. 
3) Vergl. Conze l. c. und O. Berndorf: "Griechische und sizilische 
Vasenbilder." Taf. XIV und XXXIII, pag. 65 und H.
        

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