Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Physiologie des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten
Person:
Exner, Sigmund
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398435
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398641
zur Bewegung der Knochen auch Muskeln da sein. Stellen wir 
uns vor, die Gestalt, die unser Künstler construirt, solle ein 
Flugvermögen haben, nur so gut, oder besser so schlecht, wie 
ein Sperling. Sehr graziös würden dadurch ihre Bewegungen 
in der Luft noch nicht werden. Bei einem solchen verhält sich 
das Gewicht der Flugmuskeln zum Gewichte des übrigen Kör- 
pers ungefähr wie 1:6. Nehmen wir als Gewicht des darge- 
stellten Körpers 60 Kilo an, so ergibt sich, dass zu den Muskeln, 
die er bereits hat, noch IO Kilo hinzukommen müssen. Die 
meisten derselben sind in der Brustgegend unterzubringen. Ein 
riesiger Buckel, dessen Dimensionen Alles übersteigen, was wir 
je von solchen gesehen haben, der überdies vorne sitzt, wäre 
das Resultat. Die Flügel selbst müssten eine entsprechende Aus- 
dehnung haben, also die Länge des Körpers weit übertreffen. 
Unser Künstler hätte so zwar ein Etwas construirt, das fliegen 
könnte, aber einer menschlichen Gestalt nicht mehr ähnlich 
wäre. Es wäre ein Monstrum, etwa aus der Werkstatt eines 
Höllen-Breughel, aber keine jener anmuthigen Gestalten, wie 
sie uns die Antike, die Renaissance und nicht minder, die 
moderne Kunst vorführt. Die bildliche Darstellung einer mensch- 
lichen Figur, welche das Vermögen des Fliegens wirklich be- 
sässe, ist also unmöglich. 
Unser realistischer Künstler würde sich demnach begnügen, 
schwebende Figuren darzustellen. Sehen wir, ob es ihm gelingen 
wird, hier das zu erreichen, was ihm bei den Hiegenden nicht 
gelungen, nämlich dieselben so darzustellen, wie sie erscheinen 
müssten, wenn es solche schwebende menschliche Körper gäbe. 
Im Gegensatze zum Fliegen, nennen wir ein Object schwe- 
bend, wenn es sich ohne eigene Kraftleistung frei und ver- 
hältnissmässig ruhig in der Luft erhält. So sagen wir von einem 
Vogel, dessen Kraftleistungen wir an den Flügelschlägen er- 
kennen, er Biege, eine Seifenblase aber, oder ein Federchen 
nennen wir schwebend. 
Eine menschliche Gestalt könnte schweben, wenn sie 
"schwerlos" Wäre, oder physikalisch correcter ausgedrückt, 
wenn sie das Gewicht hätte, welches ein dem ihren gleiches 
Volumen Luft besitzt. Macht also der Künstler die Voraus- 
setzung, dass der menschliche Körper, den er zu malen oder
        

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