Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394170
'74 LEBENDE BILDER. 
 
verzichten müssen. Um so bedeutender kann aber die 
Wirkung des lebenden Bildes werden, wenn wir mit dem 
Gegenstande der Darstellung in die Sphäre der Alltäglich- 
keit herabsteigeia und zum Genrebilde greifen, welches ja 
ebensowenig wie das Schauspiel und das Lustspiel der künst- 
lerischen Tiefe zu entbehren braucht und welches überdies 
den Vorzug der gleichen Sphäre mit Darstellern und Be- 
schauern hat. 
Sobald die" Kunst die großen Gegenstände verläßt, 
welche, wie besonders die religiösen, die Gesamtheit der 
Menschen zu ergreifen und ihr Interesse zu fesseln ver- 
mögen, so kann sie für die kleinen und oft unbedeutenden 
Ereignisse des alltäglichen Lebens, das sie nun zu schildern 
unternimmt, nur dadurch allgemeine Teilnahme erwecken, 
daß siemit vollkommener Naivetät und ganz selbstver- 
stündlich diese kleinen Ereignisse als etwas Selbständiges 
aufführt, dessen Geschehen mit einem Ernste, einer Wichtig- 
keit, einem Sichversenken in die Sache vor sich geht, als 
ob es daneben nichts Wichtigeres auf der Welt, ja als 0b 
es daneben überhaupt nichts auf der Welt gäbe. Gerade 
dadurch gewinnt das kleine Ereignis eine große Bedeutung: 
im engen Raume wird der Zwerg zum Riesen. je un- 
befangener der Künstler diesen Weg geht, un1 so leichter 
werden wir ihm glauben und folgen, während umgekehrt 
die künstlerische Wirkung um so sicherer attfhört, je mehr 
bei seinem Verfahren die Absichtlichkeit sich fühlbar macht. 
Hierauf beruht die bedeutende Wirkung, welche in manchen 
Zeiten die Genremaler erreicht haben: sie kamen wie eine 
Erlösung von unleidlich gewordenem Zwange und gaben 
den Menschen sich selbst und der heiteren Freude an seinem 
täglichen Treiben wieder, das nun gleichfalls der läuternden 
Kraft der Kunst würdig erschien, also doch mehr Gehalt 
haben mußte, als ihm vielleicht mancher zugestehen mochte. 
S0 war es in der uns noch nicht ferne liegenden Zeit nach 
dem Auftreten der neudeutschen Schule, so bei der neuen 
Blüte der niederländischen Malerei im I7. Jahrhundert. Und 
diese Richtung ist es, der auch unsere Zeit mit der leb- 
haftesten Teilnahme, mit dem entschiedensten Verständnis 
entgegenkommt. So fanden denn auch unter den lebenden
        

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