Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394110
68 LEBENDE BILDER. 
 
Werden uns bereits mit allen Elementen der Komposition 
vertraut gemacht hat, so daß diese rasch ergriffen und, 
auch ohne daß diese Absicht vorgelegen hätte, ästhetisch 
verarbeitet werden kann. Fehlt aber außer der ästhetischen 
Vorarbeit von Seiten des Künstlers auch diese Vorbereitung, 
so hinterläßt ein solches plötzlich erscheinendes und rasch 
verschwindendes Bild wohl den Eindruck einer glänzenden 
Erscheinung: allein ehe die ästhetische Verarbeitung der 
Sinneseindrücke hat stattfinden, ehe das Ganze als solches 
ins Bewußtsein treten und jedes Einzelne seinen Platz im 
Verhältnis zum Ganzen hat einnehmen können, ist alles 
wieder verschwunden, und Arbeit und Sorgfalt bei der 
Herstellung des lebenden Bildes stehen in gar keinem Ver- 
hältnis zu dem erlangten Gewinne. Er beschränkt sich 
auf die Erregung der Sinne und bleibt somit in der Vor- 
halle des ästhetischen Wohlgefallens. 
Einen eigentümlichen Versuch brachte die Darstellung, 
die wir als zweite Stufe bezeichnen würden: farblose 
Illustrationen sollten ihre malerische Lebensfähigkeit durch 
das Experiment als lebendes Bild beweisen. Es liegt diesem 
Experimente das Mißverständnis der sehr verschiedenen 
Aufgaben der Illustration und des Bildes zu Grunde. 
Während dieses ein selbständiges, in sich abgeschlossenes 
Ganzes geben soll, hat jene die Aufgabe, der nach der 
einen oder anderen Seite hin unzureichenden Phantasie 
des Lesers zu Hilfe zu kommen. Sie soll ihm eine be- 
stimmte Vorstellung von Person, Tracht, Lokalität geben, 
sie soll, wenn sie ihre Aufgabe tiefer faßt, die Charakte- 
ristik bestimmter Personen schärfer auspriigen helfen, da- 
mit der dem Dichter nachringenden Phantasie des Lesers 
die Leiter gegeben werde, ohne welche sie nicht zu der 
Höhe der dichterischen Anschauung emporklimmen kann. 
Dazu benutzt der Illustrator Situationen, welche ihm die 
Dichtung darbietet, Situationen, welche ihre Bedeutung 
im Fortgange der Erzählung, nicht in sich selbst tragen, 
und welche, wie sie ihrerseits zum Verständnis des Dichters 
oder Erzählers beitragen sollen, selbst eine Ergänzung aus 
dem Texte erwarten. Daß der Illustrator darüber hinaus- 
gehen uncl ein Bild mit voller Selbständigkeit schaffen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.