Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394074
64 
BILDER. 
LEBENDE 
diesem Falle gestehen wir ihm das Recht zu, uns an Stelle 
der Wirklichkeit den Schein zu setzen. Darin liegt das 
Erhebende der Kunst, daß wir in ihren Schöpfungen eine 
Gesetzlichkeit des Schaffens erkennen, welche ihrerseits 
das naturgemäße Ergebniss des Bestrebens ist, das Zufällige 
der Erscheinung in eine uns erkennbare und empfindbare 
Notwendigkeit der Erscheinung umzuwandeln, wie sie uns 
dem Naturwierke gegenüber wohl als Ahnung überkommt; 
diese Ahnung aber wird keine Gewißheit, weil wir sie 
nicht bis aufihre Quelle zurück verfolgen können. Die Einzel- 
erscheinung, welche sie uns erweckt hat, tritt durch die 
Fülle der Komplikationen, in welchen sie mit den sie 
beeinHussenden und von ihr beeinfiußten Dingen um sie 
her steht, alsbald aus der Einzelbetrachtting heraus, und 
der Faden, den man bis ans Ende zu verfolgen gehofft 
hatte, verliert sic11 in unergründliche Labyrinthe  in der 
Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Einzelerscheinung 
als Ganzes herausgreifen; die Natur ist selbst das Ganze, 
das als solches zu erfassen wir verzweifeln müssen. Da 
kommt die Kunst als Erlöserin, giebt der Einzelerscheintiiig 
eine Selbständigkeit, die sie als in sich abgeschlossenes 
Ganzes auftreten laßt, und wir empfinden die Lust, das 
Walten eines uns verständlichen, in seiner Begrenzung 
faßbtiren Gesetzes zu fühlen, welches das Widerspenstige 
unter sich beugt und es mit sich fortreißt mitzuwirken 
an der Schöpfung eines Wesens höherer Art, in Welchem 
harmonische Ordnung waltet, jener Zustand der Befriedigung, 
den wir in und außer uns suchen und in der Wirklichkeit 
im besten Falle in einzelnen Augenblicken, nie aber auf die 
Dauer finden. In der Kunstschöpfun g aber ist er zu einer Wirk- 
lichkeit geworden, der zwar das natürliche Leben fehlt, die aber 
dafür die Gewähr der Dauer des errungenen Zustandes durch 
die Unwandelbarkeit seiner Erscheinung giebt (vgl. S. 34  
Liegt so das Wesen der Kunstschöpfung im Gegensatze 
zur Naturschöpfung in der leicht erkennbaren Gesetzmäßig- 
keit, welche in der Vereinigung aller einzelnen Teile zu 
einem Ganzen waltet, so ergeben sich die Folgen für die 
Gestaltung der Kunstschvöpfung leicht. Das ihr zu Grunde 
liegende Vorbild aus der Wirklichkeit muß alles dessen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.