Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1393653
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TRACHT UND M002. 
wurde gleichzeitig immer kleiner. Schließlich war der Kapot- 
hut kaum noch ein Band, und der runde Hut saß auf den 
Augen. Weiter nach vorne zu rücken, ging nicht gut, 
und so mußte denn eine Umkehr eintreten, und dieser Grund 
War für die Abschaffung der Chignons gewiß wesentlicher" 
als die in der Mode stets vergeblichen Predigten über Ge- 
sundheitsrticksichten. Man fing wieder an, Locken oder 
ganz aufgelöstes Haar, oder, wie jetzt oft, herabhängende 
Zöpfe zu tragen. Nun konnte der Hut zurück; aber die 
Stelle, die bisher bedeckt war, durfte nicht frei bleiben. 
Da wurden die Haare tief in die Stirne hereingelegt. So 
kam allmählich wieder die vordere Seite zur Bedeutung, 
und dies ermöglichte die folgende Mode des Damenhtites, 
die nicht nur die Stirne, sondern das halbe Haar nach vorne 
offen läßt, zugleich ein Beweis, wie wenig Rücksicht die 
Mode auf die Gesundheit nimmt. Diese Freilassung des 
halben Kopfes bei dem nRabagashtita war nämlich die 
Mode einer Wintersaison! So traten die Schuhe mit hohen 
Absätzen erst auf, als das Kleid etwas kürzer wurde und 
die Füße sehen ließ. Da war der Wunsch, einen mög- 
lichst kleinen Fuß zu haben, ein durchaus gerechtfertigter, 
und die Mode beeilte sich ihn zu erfüllen. 
S0 ließen sich noch viele Einzelheiten aufführen, und 
ein aufmerksamer Blick auf die neuen Erscheinungen der 
Mode wird stets einen inneren Zusammenhang in den 
scheinbaren Willkürlichkeiten finden lassen. In dem ganzen 
reichen Wechsel der Mode aber wird immer und immer 
wieder die Geschmacklosigkeit auftreten, um der Empfin- 
dung für den reinen Geschmack den NVeg zu bahnen. 
Immerhin aber ist der Geschmack durch die Eigentümlich- 
keit seines Wesens die Grundlage der in der Mode hervor- 
tretenden Gesetze. Die Mode selbst jedoch bleibt, auch 
in ihren thörichten Auswüchsen, ein Ausfluß jener immer 
neuen Schöpfungskraft im Menschen, welche sich auf dem 
Gebiete der Kleidung nur tmwtillig in die engen Fesseln 
einer symbolischen Tracht zwängen liißt, die vielmehr 
innerhalb weit gesteckter, die sogenannte Gesellschaft aller 
kultivierten Nationen timfzissender Grenzen dennoch der 
individuellen Entwickelung einen freien Spielraum laßt. In
        

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