Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1393626
TRACHT um) M002. 
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der Linien des menschlichen Körpers von oben nach unten. 
Als nun vor einiger Zeit bei Frauen und Kindern es Mode 
war, die Knopfreihe der Taille quer über die Brust von 
der einen Schulter zur andern Hüfte zu führen, so war dies 
geschmacklos, weil nicht nur die gerade bei den Frauen 
durch den Körperbau besonders deutlich hervorgehobene 
Symmetrie verletzt wurde, sondern mehr noch, weil diese 
schräge Linie in grellem XViderspruch zu den übrigen, von 
oben nach unten gehenden Linien stand. Der Ulanenschnitt 
ist dagegen geschmackvoll: denn einmal ist die Symmetrie 
desKörpers gewahrt; dann aber vereinigen sich beide nicht 
allzuschräg laufenden Linien, der jetzt durch den Zwang 
des Korsettes freilich unnatürlich übertriebenen Haupt- 
richtung des weiblichen Oberkörpers folgend, in der 
gemeinsamen Tendenz nach der Mitte hin sich einander zu 
nähern. 
Ein anderes Gesetz des Geschmackes ist dies, daß die 
Verzierung in diskreter Unterordnung bleibe und sich dem 
Grundcharalater anschmiege, nicht aber die Hauptaufmerk- 
samkeit in Anspruch nehme. So ist es gewiß geschmackvoll, 
wenn etwas über dem unteren Saume des Frauenkleides, 
um den Abschluß recht deutlich zu kennzeichnen, ein Band- 
streifen gelegt wird, der rings um das Kleid läuft. Auch 
zwei, drei Streifen mögen noch angehen. Werden es aber 
mehr, steigen sie bis auf sieben und acht, einer über dem 
anderen, sind sie vielleicht auch noch recht breit, so sind 
sie geschmacklos, weil sie, statt bescheiden den Abschluß 
anzudeuten, vordringlich auf Selbständigkeit der Erscheinung 
Anspruch erheben. 
So giebt es eine Reihe von Gesetzen, welche 
nicht nur von dem Individuum abhängen, sondern welche 
aus einem durch die Sache selbst begründeten Geschmacke 
entspringen. Da sollte man glauben, daß in einer 
kultivierten und geistvollen Gesellschaft doch mindestens 
diese Gesetze als unabänderliche anerkannt wären und that- 
sächlich befolgt würden. Das Anerkennen ist wohl da 
oder kann doch durch einige Ueberlegting erreicht werden: 
aber mit dem Befolgen hat es seine eigene Bewandtnis. 
Daß es diese hat, hängt von einer weiteren Eigen-
        

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