Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1393608
M005. 
UND 
TRACHT 
die gelegentlich einer gesunderen Platz machen wird, frei- 
lich ohne daß damit ein dauernder Zustand erreicht wäre. 
Bildet diese im Individuum liegende Befähigung das 
erste und wichtigste Gesetz des Geschmackes, so beruht 
es, sowie sein Maßstab, doch nicht nur auf dem Individuum: 
neben dieser subjektiven Richtschnur giebt es auch noch 
Objektive Normen. Bei diesen letzteren liegen die Gründe 
in der Sache, und ein wenig Ueberlegung vermag stets 
das Richtige wiederherzustellen, wenn, wie es oft ge- 
schieht, die Empfindung für das Richtige durch den häu- 
figen Gebrauch des Falschen abgeschwächt ist. 
Das erste Gesetz nach dieser Seite hin ist, daß der 
Geschmack verletzt wird, sobald die Form der ursprüng- 
lichen Idee widerspricht. Hierfür bietet uns die Mode 
tagtäglich reiche Beispiele; so wienn der Grundunterschied der 
Miinner- und der Frauenkleidung verwischt wird, wenn also 
Frauen Herrenhüte tragen; etwas geringer wird diese Ge- 
schmacklosigkeit, wenn Frauen das thun, was im großen 
und ganzen Sache der Männer ist, wenn sie reiten: zu 
diesem Manuergeschiift paßt schon eher der Männerhut. 
Zum Charakter der Uhrkette gehört es, daß sie sich frei 
und leicht bewege und dadurch die ungezwungen ge- 
bogene Linie mache. Geschmacklos ist es daher, wenn es 
zur Zeit Mode geworden ist, daß Herren an ihrer Uhrkette 
in der Mitte etwa ein Medaillon befestigen, dessen Schwere 
mit der Leichtigkeit der im Bogen fallenden Kette im 
Widerspruch steht und welches durch Aufhebung des Bogens 
da einen Winkel hervorbringt, wo wir den Bogen erwarten. 
Das wird natürlich nicht hindern, daß diese Tragart noch 
einige Zeit Mode bleibt, bis sie durch eine andere verdrängt 
wird, die nicht geschmackvoller zu sein braucht. Trägt 
man Federn auf dem Hute, so ist es geschmacklos, sie 
mit der Spitze nach vorne gerichtet zu tragen: es liegt im 
Charakter der Feder, daß sie sich nach hinten legt. Und 
doch wird die Mode zu Zeiten gebietcrisch die Richtung 
nach vorne verlangen und erreichen. Trägt man fest auf 
dem Hut angeheftete Blumen, so ist es geschmacklos, sie 
nach hinten hin zu richten: die Blume wächst dem Lichte 
entgegen und wendet sich daher der Vorderseite zu. Laßt
        

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