Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1393586
TRACHT um) 
MODE. 
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ausbildet, hinter welcher nur wenige zurückbleiben, und 
über welche nur einzelne hinausgehen. So kann man von 
einem Volksgeschmacke reden: der deutsche wird sich vom 
französischen, vom englischen u. s. w. unterscheiden; 
innerhalb des Volkes vom Geschmacke einer Landschaft, 
einer Stadt, eines Teiles der Gesellschaft, einer Familie. 
Je enger der Kreis wird, um so geringer wird die Differenz 
zwischen den am weitesten über und unter dem Durch- 
schnitte Stehenden. Dieser Durchschnitt aber wird der 
innerhalb dieses Kreises allgemein giltige Maßstab sein. 
So ist auf dem Gebiete der Schmuckgegenstande trotz 
aller Mannigfaltigkeiten im einzelnen die Hauptrichtung 
des Geschmackes so scharf in seinem Durchschnitt aus- 
geprägt, daß in Fabrikstädten, wie Pforzheim, ganze Fa- 
briken nur für den deutschen Geschmack, andre nur für 
den italimisch-französischen Geschmack, wieder andre nur 
für Rußland, die Türkei und überseeische Länder im Export- 
geschmack arbeiten. Dieser Durchschnitt selbst aber ist 
lteineswegs eine unveränderliche Größe: er wechselt vielmehr 
mit dem Steigen und dem Fallen der Kultur. Wenn ein 
Volk seine Kulturlaufbahn betritt, ist der Geschmack 
ein ungebildeter, d. h. die Zahl der sinnlichen Eindrücke, 
welche es zu einer Empfindung verwerten kann, ist eine 
sehr geringe. Ganz einzelne stehen über dieser Durch- 
schnittsstufe, wie Dichter, Bildkünstler. In ihren Werken 
Wenden diese als Maßstab den ihnen eigentümlichen an, 
der über dem Durchschnittsmaßstabe steht. Ihre WVerke 
werden daher von den Zeitgenossen gar nicht oder wenig 
verstanden. Die folgenden Geschlechter wachsen in der 
Uebung der Betrachtung dieser Werke heran, und bald 
schon ist der Durchschnittsmaßstab des Volkes ein höherer 
geworden. W'ill nun ein neuer Künstler einen höheren 
Eindruck machen, so muß er der Durchschnittsfähigkeit 
eine neue größere Zumutung stellen, und dies wird so 
lange fortgehen, bis das höchste Maß der Auffassungs- 
fähigkeit erreicht ist. Hat nun das Volk noch schöpferische 
Kraft in sich, so greift es wieder zu dem einfacheren 
Geschmacke zurück und vermag diesem ein neues und 
veredeltes Gefallen abzugewinnen, und so begingt die
        

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