Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1396558
ä 
PAUL WALLOTS REICHSTAGSGEBÄUDE. 
 
einer Kunstform zerstörende betrachten müssen, welche 
einem Stück Formsprache die ihr naturgemäß innewohnende 
Bedeutung raubt und es zur Formspielerei herabzieht. 
Nun hat der Turm in dem Renaissancebau strenge ge- 
nommen keine Berechtigung: er stammt aus Zeiten, in 
Welchen die antiken Vorbilder der Renaissance verschollen 
waren oder nicht beachtet wurden. Soll er dennoch an- 
gewendet werden, so muß zwischen seinem vertikalen 
Charakter und dem horizontalen des der Antike und der 
Renaissance zu Grunde liegenden Architravbaues ein Aus- 
gleich gesucht werden. Auf diesen mußte die Bogenform 
führen: es ist die Kuppel, welche die horizontale Linie 
sanft aufsteigen läßt und allmählich in die rein vertikale 
Linie des Kuppelabschlusses, der Laterne, überführt. Dieser 
Ausgleich erscheint zuerst in der Kirchenbaukunst: wo 
die Kuppel zu ihrem vollen Rechte kommt, fällt der 
Glockenturm fort. In Pisa ist der schüchterne Anfang der 
Kuppel, noch beeinträchtigt sie den Glockenturm nicht; in 
Florenz stand der Glockenturm noch aus der gotischen 
Zeit da; in Rom bei St. Peter wird er nicht mehr gebaut, 
ebensowenig bei den folgenden Renaissancekirchen. Wenn 
also bei dem Reichstagsgebäude mit seinem Renaissance- 
stil ein Turm in Anwendung kommen sollte, so konnte 
dies nur in Form der Kuppel geschehen. Allein diese 
Kuppel muß so gestaltet sein, daß sie, gleichsam eine Zu- 
sammenfassung der herrschenden Linien darstellend und die 
in ihnen treibende Kraft bis zu ihrem allmählichen Auf- 
hören fortführend, auf gradlinigem Grundriß aufsteigt 
und selbst bei der Wölbung dieses Zusammenströmen aus 
graden Linien nicht verleugnet. Das vermag die auf qua- 
dratischem Grundriß aufsteigende Kuppel, wie sie Wallot 
entworfen hat, nicht aber die auf rundem Tambour ruhende 
Kuppel Thierschs: diese setzt sich wie ein fremdartiges 
Element auf den Bau, der nirgends, weder im Grundriß 
noch im Aufriß, die Kreislinie erkennen laßt. 
Die natürlichste Stelle für die Kuppel ist das Zentrum 
des Baues: nach ihm führen naturgemäß die Linien zusammen. 
Wallot wollte die Kuppel aber zugleich benutzen, um den 
Ort anzudeuten, welcher der wichtigste des ganzen Baues
        

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