Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1396470
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YVaLLoTs 
PAUL 
REICHSTAGSGEBÄUDE. 
sagen uns zunächst nichts für die Bedeutung des Baues, 
weil sie nicht etwas bedeuten, was sie thatsächlich nicht wären, 
sondern weil sie einfach etwas sind. Wohl aber vermögen 
wir in den konstruktiven architektonischen Formen lebendig 
wirkende Kräfte zu erkennen: diese uns durch die An- 
schauung zum deutlichen BCWLIßISClI] zu bringen, und zwar 
nicht als latente, sondern als in jedem Augenblick wirk- 
same, und nur infolge eingetretenen Gleichgewichtes einer 
augenblicklichen Hemmung unterliegende  das ist die 
Aufgabe nicht der konstruktiven, sondern der dekorativen 
Formen. Allerdings erfüllen diese ihre Aufgabe nur, so 
lange sie noch verstanden werden und nicht zu einem 
Spiele üppiger Phantasie herabsinken. So bringt uns die 
Säule die aufsteigend wirkende Kraft, das Kapitäl den 
Zusammenstoß und den Ausgleich dieser Kraft mit der 
von oben herab wirkenden Last zur Anschauung. So sind 
Bogen und Giebel über dem Fenster der Ausdruck der 
die herabdriickende Last aufnehmenden und nach den 
Seiten ableitenden Kraft. Wenn jedoch die Säule nichts 
zu tragen hat, wenn der Bogen und der Giebeljüber dem 
Fenster gebrochen und das Mittelstück weggenommen 
wird, so verlieren sie ihre Bedeutung als sichtbar gewordener 
Ausdruck der im Stillen wirkenden konstruktiven Kräfte 
und werden statt dessen ein äußerlich angehängter, mit dem 
Wesen der Architektur nicht mehr in innigem Zusammen- 
hange stehender Zierrat, der die Phantasie reizen soll, der 
uns aber von dem Baue selbst nichts mehr zu erzählen weiß. 
Dennoch kann es den Schein haben, als besäßen die 
konstruktiven Formen wirklich selbst eine den Zweck des 
Baues verkündende Bedeutung. Es ist dies jedoch nur 
Täuschung: thatsächlich ist es die aus der Gewohnheit 
entsprungene Auffassung, weil eine bestimmte Form 
regelmäßig für einen bestimmten Zweck angewendet wird. 
So geht es mit der Form der dreischiliigen Kirche, der ur- 
sprünglichen Basilika, die aber darum nicht minder auch 
jetzt noch eine Markthalle sein kann, wie sie es wohl auch 
ursprünglich war, oder eine Turnhalle oder eine Schützen- 
festhalle. Thatsächlich kommt aber diese besondere Be- 
deutung nicht den Formen als solchen zu, sondern sie ist
        

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