Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1396352
284 CORNELIUS um) DAS WELTGERICHT. 
 
und empfinden ihn immer wieder aufs neue. War einmal 
die ästhetische Darstellungsweise gewählt  und eine andere 
unserer Kultur zumuten zu wollen, wäre ein Unding gewesen, 
zudem wollte Cornelius als Künstler schaffen  so mußte 
nicht nur der Grundcharakter gewahrt bleiben: der Künstler 
mußte vor allen Dingen nicht innerhalb der als wirklich 
vorausgesetzten, seiner Wahl freistehenden Erscheinungs- 
welt die selbstgemachten Voraussetzungen umstoßen und 
so, innerhalb des selbstgewählten Gebietes, nicht sowohl 
die Wahrheit als vielmehr die Wahrscheinlichkeit, das Lebens- 
element des ästhetischen Kunstwerkes, selbst vernichten. 
Das Wort: nIm ersten sind wir frei, im zweiten sind wir 
Knechteu gilt recht eigentlich für den Künstler: wir gestatten 
ihm die Wahl seines Gebietes und folgen ihm, allem 
Naturalismus zum Trotze, gerne in erdichtete Gebiete; hat 
er aber ein solches gewählt, so hat er sich damit seine 
Grenzen gesteckt und. ist an die aus ihnen sich ergebenden 
Gesetze der Wahrscheinlichkeit gebunden. 
Cornelius gehört zu den fortschreitenden Künstlern. Den 
Mißgriff, den er in der Ludwigskirche gethan hat und der 
diese Werke um ihre unmittelbare künstlerische Wirkung 
bringt, während die Vertiefung in sie des Großen genug 
finden laßt, hat er in seinem letzten großen Werke, den 
Camposantofresken, nicht wiederholt. Auch hier hatte er 
das Weltgericht mit in den Kreis seiner Darstellungen zu 
ziehen. Er mochte gelernt haben, daß er eine historische 
Auffassung des Vorganges, wenn er auch nur symbolische 
Bedeutung haben sollte, seiner Zeit nicht zumuten durfte. 
Er hält sich daher streng an die symbolische Darstellung: 
Christus als himmlischer Bräutigam erscheint den klugen 
und den thörichten jungfrauen. Hier wird dem Gedanken 
nicht nur die Härte genommen, es bleibt auch der Phan- 
tasie des Beschauers überlassen, nach dem Maße seiner 
Geistes- und Herzensbildung sich mit dem Glaubenssatze 
auseinanderzusetzen, ohne daß er durch den Künstler nach 
einer bestimmten Gestaltung der Erscheinungswelt hinge- 
zwungen würde. Obgleich viel schlichter in der Erschei- 
nung und einfacher in der Auffassung, ist diese Schöpfung 
doch weit bedeutender: sie zeigt den Weg, auf welchem
        

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