Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1393509
TRACHT UND 
Monß. 
Tracht verderblich. Und da es nie eine Zeit gegeben hat, 
in welcher der Verkehr der Menschen einen größeren 
Umschwung und Aufschwung erfahren hat als die unsrige, 
so hat es auch nie eine Zeit gegeben, welche so rücksichtslos 
und durchgreifend wie die unsrige mit den Trachten auf- 
geräumt hätte. Und ganz natürlich! Wer vermochte sich 
im Bestreben einseitiger Abschließung auf irgend welchem 
Gebiete der immer machtvoller sich entfaltenden Bewegung 
der Menschen zu widersetzen! Die Menschen werden un- 
aufhörlich durcheinander gewürfelt, der Uebergang aus 
einer Umgebung in die andere erfolgt fast unvermittelt. Da 
ist es nicht anders möglich, als daß ein Ausgleich sich 
bildet, der alle die scharfen Ecken und Kanten der An- 
schauungen abschleift, der jeden befähigt, sich rasch in den 
neuen Kreis zu finden, in welchen er über Nacht getragen 
worden ist. Und nun beschränkt sich dieser Verkehr und 
dieser Ausgleich nicht mehr nur auf die großen Zentren: 
Tag für Tag werden ihm neue Gebiete erschlossen, Tag 
für Tag müssen bisher fern und abseits Gebliebene ihre 
Zurückgezogenheit aufgeben und sich wohl oder übel dem 
von dem älteren Geschlechte beklagten, von dem jüngeren, 
in dem wir schon mitten drin stehen, mit Verständnis er- 
faßten Einilusse der neuen Verhältnisse unterwerfen. Und 
Tag für Tag Hüchtet sich die Tracht, das Symbol der sich 
abschließenden Gesinnung, in immer entlegenere Punkte, 
und die Kleidung folgt in ihrem Charakter auch hier dem 
Zuge der Zeit. Sie hört auf, Symbol der Einzelanschauung 
zu sein, sie wird in ihrer Gesamtheit Symbol des neuen 
Zustandes der Menschheit, mit einem Worte, an die Stelle 
der Tracht tritt die Mode. Die Mode ist somit diejenige 
Kleidung, welche nicht im einzelnen Trägerin einer sym- 
bolischen Bedeutung ist, welche besagt, daß ihre Träger 
nicht diesem oder jenem Stande, dieser oder jener bestimmten 
Anschauung in scharfer Abgrenzung von jeder andern an- 
gehört. Während die Tracht in jeder ihrer einzelnen Er- 
scheinungen eine besondere Bedeutung hat, so verwischt 
die Mode diese besondere Bedeutung. Die einzelne Mode 
besagt für den Träger nichts inbezug auf seine Stellung 
in der Welt; die Mode in ihrer Gesamtheit dagegen be-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.